Allah und er

In Deutschland nannte man ihn einen Islamisten und scheuchte Amir Zaidan nach Österreich. Hier ist er für die Fortbildung der islamischen Religionslehrer zuständig und anerkannter Vordenker seiner Religion. Also was jetzt? Der „Falter“ hat mit ihm Tee getrunken.

STEFAN APFL, WOLFGANG LUEF | POLITIK | aus FALTER 18/06 vom 02.05.2006

Für den Koran ist er Feuer und Flamme. Amir Zaidan sitzt breitbeinig auf seinem Stuhl und spricht von der Verantwortung gegenüber seinem Schöpfer. Das ist Allah. Wenn er redet, benutzt er beide Hände. Während einer Stunde angeregten Gesprächs stößt Zaidan zweimal beim Gestikulieren sein Teeglas um. Der eloquente Syrer scheint es gewohnt zu sein, Monologe zu führen, und weniger gewohnt, dabei unterbrochen zu werden. Häufig leitet er seine rhetorischen Fragen mit einem knappen „Frage“ ein, um sie ausgiebig zu beantworten. „Frage: Was ist ein Islamist? Einer, der den Islam praktizieren will? Dann bin ich einer. Oder ist es jemand, der andere Menschen verachtet und eine einseitige Sicht hat? Dann sage ich, meine Arbeit zeugt vom Gegenteil.“

Amir Zaidan sei ein „Islamist und Muslimbruder“, meinte beispielsweise die deutsche CDU 2003 in einer Bundestagsanfrage. Er sei einer unter vielen „islamistischen Wölfen im Schafspelz“, der noch dazu eine „fundamentalistische Sichtweise“ lehre, schreibt der langjährige Außenpolitikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Udo Ulfkotte in seinem 2003 erschienenen Buch „Der Krieg in unseren Städten“. „Höflich gesagt ist Zaidan ein ultraorthodoxer Muslim“, meint Herbert Müller, Leiter der Kompetenzgruppe Islamismus beim Verfassungsschutz in Baden-Württemberg. Und die deutsche Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke sagt: „Zaidan hat in Hessen faktisch versucht, für die Mitglieder seiner Organisation eine Art parallele Rechtsordnung durchzusetzen.“ In Deutschland ist Amir Zaidan, gelinde gesagt, umstritten. In Österreich ist er nun für die Fortbildung der islamischen Religionslehrer verantwortlich.

Darüber hinaus tritt er als interreligiöse Integrationsfigur in Erscheinung, stets auf der Suche nach dem Dialog. Für Medien und Politik ist der Syrer begehrter Repräsentant der muslimischen Community. Unlängst stieg Zaidan auf der europäischen Imame-Konferenz in Wien kurz nach EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner aufs Podium und referierte über seine Vorstellung eines „Islams europäischer Prägung“. Auf Ö1 spricht er gelegentlich die „Gedanken zum Tag“, und auch bei Podiumsveranstaltungen ist Zaidan willkommener Gast, um über den „Dialog zwischen Christentum und Islam“ oder den „Islam in einer pluralistischen Gesellschaft“ zu diskutieren.

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