Als Jesus Christus zum modernen Menschen wurde

„Gólgota Picnic“ von Rodrigo Garçia ist diese Woche beim steirischen herbst zu sehen. Letzte Woche wurde es in Rotterdam aufgeführt


SARA SCHAUSBERGER
STEIERMARK, POLITIK | aus FALTER 39/11 vom 27.09.2011

Es riecht nach Hamburgerbrötchen im Theatersaal der Schouwburg in Rotterdam, wo vergangene Woche beim Theaterfestival „De Internationale Keuze von de Rotterdamse Schouwburg“ Rodrigo Garçias Stück „Gólgota Picnic“ aufgeführt wurde. Gezeigt wurde es im Rahmen von Next Step, einem Netzwerk aus sieben europäischen Festivals, diese Woche ist beim steirischen herbst die deutschsprachige Erstaufführung zu sehen. Die Brötchen bedecken akribisch angeordnet den Boden – hellbraun, süßlich riechend, mit Sesam bestreut. Darauf aufgebaut, ganz hinten auf der rot ausgeleuchteten Bühne, ein Picknick-Platz mit Campingstühlen, karierten Decken und einer Box voll Obst und Gemüse. Eine weiße E-Gitarre, eine Handkamera auf einem Stativ und eine riesengroße Leinwand lassen ahnen, dass in der Inszenierung des argentinisch-spanischen Regisseurs Rodrigo Garçia nicht einfach nur gepicknickt wird.

Am Ende des Stücks wird die Bühne einem Schlachtfeld gleichen. Die Hamburgerbrote werden aufgeweicht den Boden wie Schlamm bedecken, mitten in diesem Schlachtfeld wird der italienisch-österreichische Pianist Marino Formenti nackt am schwarzen Flügel sitzen und die gesamte Klavierfassung von Joseph Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ spielen. Es wird der totale Kontrast zur vorhergehenden Reizüberflutung sein. Ein „Sprung nach innen“, wie dem Text des Dramas, er stammt von Garçia, zu entnehmen ist: „Springt in euch selbst hinein, erfreut auch am Fallen, lasst euch von niemandem stören. Die Einsamkeit ist das Einzige, was euch sicher ist.“ „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ ist ein Musikstück, das niemals aufbraust, sondern durchwegs aus langsamen Sätzen besteht. Formenti schildert die Situation auf der Bühne. „Man ist ganz allein an einem Klavier, das plötzlich unheimlich winzig wirkt. Das macht die Sache noch einsamer.“ In „Gólgota Picnic“ ist Haydns Klavierstück wie die Stille nach dem Schuss.

Der Text von Garçia ist poetisch, fast ein Gedicht. Er ist in Ich-Form geschrieben, aber dieses „Ich“ existiert auf der Bühne nicht mehr. Ein jeder der fünf Darsteller wird zu diesem „Ich“. Sie sprechen beiläufig, sie sprechen, während sie eigentlich mit ganz anderem beschäftigt sind, sich zum Beispiel Gemüse und Obst mit Gaffaband an den Kopf kleben, um dann wie die Menschenporträts aus Früchten von Arcimboldo auszusehen. Nur lächerlicher. Ein Salatkopf wird hier zu Haaren, ein Netz Mandarinen zum Vollbart. Parallel dazu kommt aus dem Ghettoblaster die „Matthäuspassion“ von Bach. Der ständige Kontrast also – zwischen Bild, Ton und Text, zwischen Witz und Melancholie.

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