Am Rand

Sie sind stark, versiert im Krisenmanagement und rund um die Uhr im Einsatz. Sie sind die wahren Leistungsträger. Doch die Politik lässt Alleinerziehende hängen und schaut zu, wie Mütter und Kinder in die Armut abrutschen


GERLINDE PöLSLER

STADTLEBEN, FALTER 51/16 vom 20.12.2016

Foto: J.J. Kucek

Kranksein zum Beispiel. Schon Familien mit zwei Elternteilen kommen ins Schwitzen, wenn ein Kind in der Früh glühend oder mit Halsweh im Bett liegt. Wer kriegt leichter frei? Was macht man jetzt mit dem Termin um zehn? Für Doris Franke wäre so etwas nicht mehr weiter erwähnenswert. Sie muss das alles mit drei Kindern schupfen. Allein. Immer. Vor kurzem hat es sie und die Kinder (fünf, elf und 13 Jahre alt) alle zugleich ins Bett geworfen. „Der Älteste hatte Bronchitis, die Mittlere Magen-Darm-Grippe, der Kleine eitrige Bindehautentzündung und ich Angina.“ Zwischendurch musste sie kochen, selber und mit allen Kindern zum Arzt. Und schnell in den Vinzimarkt einkaufen, „weil ich noch genau drei Eier und eine Milch daheim hatte.“ Wie sie da wieder gesund werden konnte? „Ich hab dann eh Antibiotika gehabt“, wischt sie die Frage vom Tisch.

Zynisch könnte man sagen: Das Ganze hatte auch sein Gutes. Weil Franke auch selber im Krankenstand war, verbrauchte sie wenigstens keinen Betreuungsurlaub. Der ist nämlich schnell aufgebraucht, zumal mit einem Kind wie Frankes Jüngstem, der Asthma hat. Da kann man ganz schnell seinen Job loswerden. Doch hier hat die kaufmännisch-pharmazeutische Assistentin, die in einer Apotheke arbeitet, „großes Glück: so eine verständnisvolle Chefin findet man in einer von hundert Firmen“.

Die 110.000 Alleinerziehenden Österreichs (mit Kindern unter 15 Jahren, Statistik Austria) führen ein sehr, sehr anstrengendes Leben. Ein Leben, von dem die meisten anderen keine Ahnung haben. Rund um die Uhr sind sie im Dienst. Das Schwierigste aber ist die Geldknappheit. Ein-Eltern-Haushalte sind mit 42 Prozent die am häufigsten armutsgefährdete Gruppe, Tendenz steigend. Obwohl mehr Alleinerzieherinnen Vollzeit arbeiten als Mütter in Partnerschaften. Die Politik kennt die Probleme seit Jahrzehnten, doch nichts passiert. Im Gegenteil, überall wird gekürzt, und für Alleinerziehende wird auch nicht nachgebessert wie für Pensionisten oder Landwirte, wenn sich eine Maßnahme als zu hart erweist. Ihre Lobby ist zu wenig mächtig, sie selber haben keine Zeit, um groß politische Initiativen zu gründen. Wagt es eine, öffentlich aufzumucken, ist sie schnell mit hasstriefendem Sexismus konfrontiert. Dieser Tage ging es der deutschen Autorin und Bloggerin Christine Finke so („Allein, alleiner, alleinerziehend“, Falter 30/16).

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