Arbeiten, studieren, dahinlavieren

Sechs von zehn Studierenden arbeiten nebenher. Was und wie viel, hängt vom Elternhaus ab


GERLINDE PöLSLER

STADTLEBEN | aus FALTER 47/18 vom 20.11.2018

Foto: Berliner Verlag / dpa Picture Alliance / picturedesk.com


Jetzt läuft man ihnen wieder alle paar Meter über den Weg: den Punschausschenkerinnen und Kunstpostkartenverkäufern auf Christkindlmärkten, den Spendenkeilern und als Weihnachtsmänner oder Werbefiguren Verkleideten. Zum Gutteil sind es Studierende, die diese Branchen am Laufen halten.

Birgit*, 25, Elektrotechnikstudentin, hat die letzten drei Adventzeiten an einem Wiener Glühweinstand ausgeschenkt. Die Bezahlung war in Ordnung, sagt sie: acht Euro die Stunde, mit Trinkgeld zehn bis zwölf Euro. Sie sei angemeldet gewesen, etliche Arbeitgeber würden aber alles nur schwarz machen. “Und an den typischen Touristenplätzen wurde abgewogen, ob die Studenten zu viel Glühwein verschütten, das wurde dann vom Lohn abgezogen.”

Birgit hat den Großteil ihrer Studienzeit auch während des Semesters regelmäßig Geld verdient. Sie hat über ein Institut acht Stunden pro Woche Nachhilfe gegeben (“zu unfairen Bedingungen”) und Event-Catering versucht. Nicht zu arbeiten war keine Option: Studienbeihilfe bekam Birgit nie, ihre Eltern überweisen ihr monatlich 300 Euro. Am Ende des Monats habe es manchmal nur noch “Nudeln ohne alles” gegeben. Derzeit kommt sie auf 700 bis 800 Euro im Monat, das sei “in Ordnung.”

Sechs von zehn österreichischen Studierenden arbeiten während des Semesters nebenbei, im Schnitt sogar rund 20 Stunden pro Woche. Doch wo, warum und zu welchen Konditionen man arbeitet, hängt auch bei angehenden Akademikern mit dem sozialen Hintergrund zusammen: Studis, deren Eltern sie nicht oder nur wenig unterstützen können oder wollen, finden sich eher in schlecht bezahlten und ausbeuterischen Jobs wieder. Wer dagegen von zu Hause gut ausgestattet ist, kann sich Praktika “leisten”. Aber was bedeutet das für den Studienerfolg und die spätere Berufslaufbahn?

Nur 39 Prozent der Studierenden waren im Sommersemester 2015 nicht erwerbstätig, heißt es im aktuellen “Bericht zur sozialen Lage der Studierenden” des Wissenschaftsministeriums (siehe Grafik). 23 Prozent arbeiten bis zu zehn Stunden pro Woche und sehen sich in erster Linie als Studentinnen und Studenten. Weitere 17 Prozent sind mehr als zehn Stunden pro Woche erwerbstätig. Ein gutes Fünftel schließlich betrachtet sich als hauptsächlich berufstätig und studiert nebenbei.

Die typischen Studentenjobs: Kellnern und Catering, Werbemittel verteilen, Nachhilfe geben, Kurierdienste fahren, in Callcentern acht Stunden durchtelefonieren. Bestimmte Branchen werden hauptsächlich von Studierenden am Laufen gehalten, weiß Veronika Bohrn Mena, einst Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum, jetzt Gewerkschafterin und Autorin des Buches “Die neue Arbeiterinnenklasse”.”In Callcentern besteht die Belegschaft aus zwei Gruppen: Pensionistinnen, die sich ihre Rente aufstocken, und Studierende.” Auch Fahrradkuriere seien gut die Hälfte Studierende, schätzt sie.

Problematisch an vielen dieser Jobs ist, dass sie nur einen mageren Fixlohn bringen: Bei Radkurieren seien es manchmal nur 4,50 Euro pro Stunde. Mehr gibt es nur für tatsächlich gelieferte Speisen -blöd, wenn das Geschäft gerade mau läuft. Stark ausgeprägt ist dieses Prinzip beim Werben von Spenden. In einem aktuellen Jobinserat sucht eine Agentur “Door2Door”-Campaigner für Innsbruck: “Geh in den Wohnvierteln der Stadt als ‘Social Promoterin’ von Tür zu Tür auf Streifzug und sammle möglichst viele Spendengelder für die Hilfsprojekte der gemeinnützigen Vereine. Verdien richtig viel Geld!” Als “Fallschirm” bietet die Firma 36 Euro pro Einsatztag -mehr verdient man nur über Erfolgsprämien.

Bitter, wenn man gerade ein ungünstiges Timing erwischt. Vera*, 20 und Politologiestudentin, stand den ganzen Jänner in der Kälte auf der Straße. Dass viele Angesprochene gerade nach der Weihnachtszeit wenig aufgeschlossen reagierten, sei gar nicht das Problem gewesen. Sehr wohl aber der Druck, den die Firma ausgeübt habe. Manchmal habe der Gruppenleiter gesagt: “Heute habt ihr noch nicht genug Spender, also müsst ihr länger arbeiten.” Nach einem Monat zu 30 Wochenstunden bekam sie ein Fixum von 250 Euro -und sonst fast nichts. Die Prämie falle erst an, wenn der Angeworbene mindestens drei Monate lang zahlt. Manch neu gefangener Kunde rief gleich am nächsten Tag an und erklärte, er habe es sich doch anders überlegt.

Dazu kommt, dass manche Arbeitgeber Studenten nur schwarz beschäftigen wollen. Oft ist den Studis das auch recht, weil sie ohnehin bei den Eltern mitversichert sind oder nicht durch Zu-viel-Dazuverdienen Beihilfen verlieren wollen. Gewerkschafterin Bohrn Mena rät aber vehement vom Schwarzarbeiten ab. Nicht nur wegen der Pensionszeiten, die 20-Jährigen oft noch reichlich egal sind, sondern auch, weil man damit um Ansprüche auf Arbeitslosengeld umfällt: Aber wenn man nach dem Studium erst nach drei bis sechs Monaten einen Job findet, mache es eben schon einen Unterschied, ob man Arbeitslosenunterstützung bekommt oder nicht.”

Doch wer wie viel und in welchen Jobs arbeitet, hängt eng mit dem sozialen Hintergrund zusammen. Rund ein Fünftel der Studierenden erhält zwar Studienbeihilfe, doch diese reicht oft nicht zum Leben. Und auch bei jenen, die kein Stipendium bekommen, können oder wollen die Eltern oft nur einen Teil der nötigen Kosten zuschießen.

Und so ist das Ausmaß, in dem erwerbstätige Studis arbeiten, sehr unterschiedlich: Jene mit einem schwächeren sozialen Background hackeln laut Studierendensozialerhebung mehr Stunden pro Woche. Außerdem trifft man sie öfter in den schlecht bezahlten und anstrengenden Jobs, während jene aus höheren Schichten öfter schon einer studienadäquaten Tätigkeit nachgehen.

“Studierende, die das Glück haben, dass ihre Eltern Akademiker sind, machen solche Jobs natürlich nicht, warum auch”, sagt Veronika Bohrn Mena. “Wer es sich leisten kann, absolviert eher Praktika, macht bei Forschungsaufträgen oder Projektarbeiten mit.” Dafür winkt zwar gar keine oder nur wenig Kohle, dafür machen sich diese Jobs gut im Lebenslauf. All das wirkt sich wieder auf die späteren Arbeitsmarktchancen aus. Bohrn Mena: “Wer während des Studiums nur im Callcenter gesessen ist, hat nachher wieder das Problem der fehlenden Berufserfahrung.”

“Das ganze System ist extrem selektiv”, findet sie: Nicht nur, dass Kinder, deren Eltern studiert haben, häufiger selbst ein Studium aufnehmen. Sie können es dann auch effizienter vorantreiben, weil sie weniger Zeit für Nebenjobs aufwenden müssen. Und danach finden sie eher die besseren Jobs. Medizin ist übrigens jenes Fach mit dem geringsten Anteil an Studierenden aus niedriger bis mittlerer Schicht (nur 30 Prozent). Die angehenden Ärztinnen und Ärzte arbeiten auch am wenigsten nebenher: Einerseits haben sie es wohl weniger nötig, anderseits ist es im Medizinstudium auch schwerer möglich, weil es zahlreiche Pflichtpraktika zu absolvieren gilt. Bohrn Mena: “All das führt dazu, dass ganze Branchen sehr homogen werden.”

Was tun? Zwar wurde die Studienbeihilfe zuletzt erhöht und der Kreis der Bezieher ausgeweitet -“ein massiv wichtiger Schritt”, sagt Marita Gasteiger, stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerinnenschaft (ÖH). Dennoch müssten die Beihilfen merklich erhöht werden, ist sie sich mit Veronika Bohrn Mena einig. Die ÖH fordert auch, dass die Familienbeihilfe automatisch direkt an die Studierenden ausgezahlt wird: “Bei uns tauchen immer wieder Fälle auf, wo Eltern die Beihilfe beziehen, sie ihren Kindern aber nicht weitergeben.” Außerdem müssten die Unis sich besser auf berufstätige Studierende einstellen, etwa mit Lehrveranstaltungen auch am Wochenende und Onlinekursen.

Je mehr die Studierenden nebenbei arbeiten, um so zäher geht es mit dem Studium voran. Laut Sozialbericht “verkürzt jede Erwerbsstunde die für das Studium aufgewendete Zeit um 26 Minuten”.

“Ein Teufelskreis”, weiß auch Andreas* (29), der demnächst das Lehramt abschließt. Früher bezahlten die Eltern seine Miete; den Rest finanzierte er immer selber. Er war Skilehrer, hat am Flughafen “Koffer geschupft” und gehörte zum Stammpersonal eines Cafés. Im Vorjahr kümmerte er sich vom 10. November bis 6. Jänner um mehrere Punschstände. Durchgehend, Wochenenden und Heiligabend eingeschlossen.

Da kommt das Studium klarerweise ins Stocken. Überschreitet man aber die Mindeststudiendauer plus zwei Semester, heißt es Studiengebühren berappen: 363,36 Euro pro Semester. Früher waren jene davon ausgenommen, die zumindest geringfügig nebenbei arbeiteten, seit diesem Wintersemester zahlen auch sie. Andreas ist davon ebenso betroffen wie die Elektrotechnikstudentin Birgit. Zwar vergeben einzelne Unis spezielle Studienabschlussstipendien (Achtung: Die meisten Einreichfristen laufen demnächst aus!), die ÖH fordert aber eine bundesweite Lösung.

Für die früheren Glühweineinschenker Birgit und Andreas geht es dennoch seit kurzem in die richtige Richtung. Andreas arbeitet gleich an mehreren Uniprojekten mit. Birgit hat einen freien Dienstnehmervertrag an einem Forschungsinstitut und ab Jänner ein bezahltes 20-Stunden-Praktikum.

Einig sind sich beide darin, dass auch die studienfernen Jobs ihnen wichtige Erfahrungen beschert haben. “Es gibt einen Kellnerspruch, der lautet: Man läuft nie mit leeren Händen durch die Gegend”, sagt Andreas. In der Gastronomie habe er viel über Organisation und Zeitplanung gelernt und Stressresistenz trainiert.

Auch Birgit findet es “wichtig, mal einen so anstrengenden Job zu machen”. Bei Zehn-Stunden-Schichten, wo sie kaum durchatmen konnte, habe sie “gemerkt, wie viel ich schaffen kann”. Im Umgang mit Leuten außerhalb ihrer “Blase” habe sie gelernt: “Auch wenn man unterschiedliche Ansichten hat, gibt es einen Raum, wo man das mal weglassen kann.” Gegenüber Kellnerinnen und Kassiererinnen sei sie nun viel freundlicher. Diese guten Dinge würde sie nicht missen wollen. Nachsatz: “Allerdings hätte es die auch unter besseren Arbeitsbedingungen geben können.”

* Name geändert.

Erwerbstätigkeit der Studierenden (in Prozent, Quelle: Materialien zur sozialen Lage der Studierenden)

21 hauptsächlich erwerbstätig, studieren nebenbei
17 in erster Linie studierend, mehr als zehn Stunden erwerbstätig
23 in erster Linie studierend, bis zehn Std. erwerbstätig
39 nicht erwerbstätig

Tipps für Studierende

Studiengebühr ist zu bezahlen, wenn die Mindestdauer plus zwei Semester überschritten wurde – seit Herbst gilt das auch für berufstätige Studierende

Einige Unis haben aber eigene Studienabschlussstipendien eingeführt: https://arbeitenundstudieren.at/2018/10/17/uni-stipendien-fuer-berufstaetige/

Achtung: Viele Antragsfristen enden schon mit November oder Dezember!

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FALTER 16/19
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