Bier formte diese Stuben

Die legendären Steirer Stuben mit neuer Bestimmung: als Gasthausbrauerei


FLORIAN HOLZER

05.03.2019

Foto: Heribert Corn

Die Steirer Stuben in der Wiedner Hauptstraße waren ein Relikt aus Zeiten der „verfeinerten Bodenständgkeit“, aus Zeiten, als man mit gutbürgerlich steirisch-wienerischer Küche und altmodischem Teppich-Vorhang-Messing-Kamin-Ölbild-Ambiente noch über hundert Sitzplätze voll bekam. Familie Weidinger, die diese Steirer Stuben seit Anfang der 60er-Jahre führte, verkaufte ihr Lebenswerk 2008, danach wechselte es ungefähr jährlich den Besitzer, zum Schluss bildete sich sogar eine Art Komitee ehemaliger Steirer-Stuben-Stammgäste, die versuchten, den alten Gastronomiedampfer mit altem Kurs zum Ziel zu führen. Aber Sentimentalität ist im Gastrobusiness nun einmal keine berechenbare Größe. Vor ein paar Jahren sperrte das riesige Lokal endgültig zu und blieb lange geschlossen.

Bis vor etwa eineinhalb Jahren Bewegung festzustellen war und im Fenster ein Zettel mit „Hier entsteht das Volksbier“ oder so ähnlich hing. Vergangenen Sommer sah man dann große Biertanks herumstehen, Eröffnungen wurden ein paar Mal verschoben, vorige Woche war’s aber dann so weit: Laurenz4 ging an den Start.

Von den Steirer Stuben blieb effektiv nichts mehr, gar nichts. Das Laurenz4 ist eine Art doch recht großformatiges Bier-Diner mit industriell anmutender Brauerei hinter einer Glaswand und kupfernem Sudkessel im Gastbereich. Das Lokal gehört Igor Nesterenko, der sich vor drei Jahren am Karma Ramen beteiligt hat und seither auf gastronomischer Großeinkaufstour ist: Café Stadtkind in der Universitätsstraße, Flatschers und Flatschers Bistro in der Kaiserstraße gehören ihm ebenfalls.

Also jedenfalls alles sehr mächtig, sieben Biere werden einstweilen gebraut, aber irgendwie neu oder speziell oder abgesehen von den Dimensionen bemerkenswert ist beim Laurenz4 leider wenig. Die Biere sind nicht schlecht, aber alles andere als Avantgarde, küchenmäßig lässt man erwartbare Beliebigkeiten wie Flammkuchen, Burger, Schnitzel und Spareribs leider nicht aus.

Die „Chicken Lollipops“ – panierte, frittierte Hühnerflügerln mit freigelegtem Knochen – sind gar nicht schlecht, knusprig, heiß und fett halt (€ 7,90). Die Spareribs geraten dann zur Niederlage, im Kombidämpfer lauwarm gemacht statt gegrillt, mit zwei Stück zerkochtem Maiskolben serviert, unerfreulich (€ 14,90), bei der „Schweine(d)rei“ macht man ein bisschen einen auf Gourmet und legt rosa gebratenes Schweinsfilet, wenig aussagekräftigen Schweinebauch und geschmortes Backerl nebeneinander und mit brauner Tunke auf einen großen Teller, dazu Erdäpfelsalat in Ausflugsgasthausqualität (€ 21,50) – warum? Klar, die kulinarische Erwartungshaltung ist in Braulokalen jetzt nicht überirdisch, aber deswegen gleich so mittelmäßig kochen? Vielleicht wird’s ja noch besser, sonst geh ich halt einfach auf ein Pils hin, das den schönen Namen „Florians Durst“ trägt …

Resümee:

Ein riesiges, gutbürgerliches Restaurant wurde zu einem riesigen Brauereilokal, das Bier ist gut, das Essen spielt keine Rolle.


Laurenz4,

5., Wiedner Hauptstr. 111, Tel. 01/890 59 19, Di–Do 17–24, Fr, Sa 17–2 Uhr, www.laurenz4.at

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FALTER 12/19
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