Bye-bye Facebook

Acht Jahre Facebook haben die Menschheit und mein Leben nicht besser gemacht. Gründe, die blaue Welt zu verlassen


BENEDIKT NARODOSLAWSKY
MEDIEN | aus FALTER 07/18 vom 13.02.2018

Illustration: Oliver Hofmann

Versuchen Sie einmal, Facebook zu verlassen! Nur so zum Spaß. Ist nicht leicht. Zuerst kommen Sie an Profilbildern Ihrer Freunde vorbei. „Joseph wird dich vermissen. Schick ihm eine Nachricht.“ Es klingt, als wolle man gleich Abschied vom Leben nehmen. Facebook will den vermeintlichen Sozialsuizid verhindern. Bevor es Sie ziehen lässt, müssen Sie ihm erst beantworten, warum Sie aus der blauen Welt wollen. Zehn Optionen erscheinen auf dem Bildschirm. Wählen Sie die falsche, hält Sie Facebook zurück.

Zum Beispiel die Option „Ich verbringe zu viel Zeit auf Facebook“. Anstatt das Konto zu deaktivieren, schickt Sie Facebook zu den Einstellungen und erklärt, dort könne man die Interaktion besser kontrollieren. Oder Option „Ich finde Facebook nicht sinnvoll“. Wieder daneben. Facebook erklärt Ihnen, die Plattform wäre vielleicht sinnvoller, wenn Sie sich mit mehr Freunden verbänden. Statt das Konto zu löschen, lässt es Sie nach neuen Freunden suchen.

Insgesamt acht Optionen führen statt ins Nirwana zurück zu Facebook. Nur die letzten zwei lässt Facebook gelten. Option 9: „Ich habe schon ein Facebook-Konto.“ Option 10: ein individueller Grund, den man erfinden muss.

Im Herbst 2014 schickte ich mir selbst vier Mails, Betreff „Facebook1“, „Facebook2“, „Facebook3“ und „Facebook4“. Darin hatte ich ein rund 60 Zeichen langes Passwort aufgeteilt. Der erste Teil des Passworts lautete „DuDeppMusstDeineFacebooksuchtBekaempfen“. Ich hatte mich damals selbst überlisten wollen. Das komplizierte Passwort, das neben dem Appell noch eine lange Reihe von Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen beinhaltete, sollte ich mir unter keinen Umständen merken können. Ich wollte Facebook nicht mehr impulsiv und unkontrolliert nutzen, sondern nur noch, wenn ich es wirklich brauchte. Jedes Mal, wenn ich die Teile des Passworts aus den Mails ins Facebook-Log-in-Feld zusammenkopierte, sollte ich die Warnung sehen, die ich als Kampfauftrag an mein späteres Ich formulierte. So weit der Plan.

Sie glauben gar nicht, welch unfassbar schnelle Routine man in kurzer Zeit im E-Mail-Suchen, E-Mail-Öffnen, im Heraus- und Hereinkopieren entwickelt. Am Ende brauchte ich nur noch wenige Sekunden, um die blaue Welt zu betreten. Es ging automatisch, ohne nachzudenken. Facebook gewann den Kampf Stunde für Stunde.

Ich habe nie geraucht, aber Facebook war wie meine Zigarettenpause. Wenn mein Hirn müde war und Abwechslung brauchte, loggte ich mich ein. Doch im Unterschied zur Zigarette ging Facebook nie aus. Und das Hirn schaltete nie ab, sondern wurde immer müder. Es wirkte wie Soma, die Droge in Aldous Huxleys dystopischem Zukunftsroman „Schöne neue Welt“, die sich die Menschen einwerfen, um der realen Welt zu entfliehen. Mit dem Unterschied, dass die Fantasiedroge Soma keine Nebenwirkung hat.

Facebook hat Nebenwirkungen, dass einem der Schädel brummt. Man spürt es ja. Diese Zerstreutheit, diese Rastlosigkeit, dieses leere Gefühl danach. Die schnell verfliegende Euphorie nach einem Like, die Gier nach weiteren. Die Enttäuschung, dass nicht mehr auf einen reagieren. Der Neid über die Fotos vom Traumurlaub der anderen, während man selbst im Büro hockt. „Ich darf nicht auf Facebook schauen, wenn ich traurig bin“, sagt eine Freundin, „denn dort sind alle so glücklich.“

Je mehr Zeit junge Erwachsene in sozialen Medien unterwegs sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie depressiv sind. Das zeigt eine Medizinstudie der Universität Pittsburgh. Die Erklärung: Wer Facebook intensiv nützt, glaubt öfter, dass die anderen glücklicher und erfolgreicher sind. Sie sind frustriert, weil sie das Gefühl haben, Zeit zu verschwenden. Sie laufen verstärkt Gefahr, sich Mobbing auszusetzen, und es treibt sie in die Internetsucht.

Psychology Today führte mehrere Studienergebnisse zum Facebook-Konsum zusammen. Etwa jene der California State University, der zufolge Facebook jene Hirnregionen aktiviere, die auch Drogen wie Kokain stimulieren. Oder jene der Regis University in Colorado, in der fast alle Probanden unter Stress litten, der auf Facebook zurückzuführen war. Dies wiederum schwächte den Körper, bedrohte das psychologische Wohlbefinden und schlug sich negativ auf die Leistung in Schule und Arbeit nieder.

Facebook nimmt all das bewusst in Kauf. Seit kurzem kampagnisieren Ex-Mitarbeiter großer Silicon-Valley-Konzerne mit der Initiative „The Truth About Tech“, um vor Folgen der Entwicklungen zu warnen, die sie selbst mitverursachten. Darunter der ehemalige Facebook-Operations-Manager Sandy Parakilas und Justin Rosenstein, der den Like-Button erfand. „Das sind keine neutralen Produkte“, erklären die Insider, „sie sind Teil eines Systems, das entwickelt wurde, um uns süchtig zu machen.“ Im Kampf um Aufmerksamkeit arbeiten die Konzerne daran, dass virtuelle Interaktionen und Belohnungen wichtiger werden als Treffen im echten Leben. „Das Rennen darum, uns jede Stunde am Schirm zu halten, erschwert es abzuschalten, erhöht Stress, Angst und Schlafmangel.“

Am 4. Februar erklärte Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg zum 14. Geburtstag: „Über die Jahre habe ich fast jeden Fehler gemacht, den man sich vorstellen kann.“ Aber er habe der Sache wegen immer weitergemacht, denn: „Uns mit unserer Familie und unseren Freunden zusammenzubringen ist wichtig, und nach 14 Jahren bin ich stolz auf das, was wir tun, und dankbar, ein Teil von etwas Bedeutendem zu sein.“

Ja will der mich verarschen? Familie und Freunde zusammenbringen? Wie oft bin ich denn zu Hause gehockt vor diesem depperten Facebook und habe mir irgendwelche Videos reingezogen, anstatt Tischgespräche zu führen? Habe mir irgendeinen Pandabären angeschaut, der auf einen Schneemann klettert und wieder herunterfällt? Habe Videos von Fußballern gesehen, die spektakulär Elfmeter verschießen? Und den schlecht trainierten Hund, der beim Wettbewerb, anstatt schnell und diszipliniert an allen Würsten und Leckerlis vorbei ins Ziel zu rennen, zu jeder einzelnen Essenshürde hinläuft und sie auffrisst?

Ich war wie dieser Hund. Abgelenkt, von Dopaminstoß zu Dopaminstoß sprintend, vom sinnlosen Video zum nutzlosen Gif. Während meine Liebste mit mir reden wollte, starrte ich auf den Newsfeed und täuschte vor, ihr zuzuhören. Es flog auf. Jedes Mal. Es machte sie rasend.

Nein, es geht Zuckerberg nicht um Familie und Freunde. Im Forbes-Ranking von 2017 rangiert der 33-Jährige mit 56 Milliarden Dollar (rund 46 Milliarden Euro) auf Platz fünf der reichsten Menschen. Sein Vermögen gründet auf dem Prinzip, uns so lang wie möglich auf seiner Plattform zu halten, um für Werbung zu kassieren. Das gelingt ihm mit vielen kleinen psychologischen Tricks. Etwa dass man beim Scrollen durch den Newsfeed immer schon das nächste Posting sieht. Oder dass Videos automatisch starten.

Am Anfang glaubte ich noch an Zuckerbergs Verheißung. Erster Eintrag, 3. Oktober 2009: „Facebook greenhorn.“ Anfangs postete ich noch auf Englisch, damit mich auch die Freunde aus dem Auslandssemester verstanden. Mehr als acht Jahre später kann ich sagen: Der Kontakt zu ihnen ist trotz Facebook-Freundschaft faktisch tot. Viel öfter sah ich die Werbung von Hetzmedien wie Wochenblick und H.-C. Strache – und zugleich die linke Erregung gegen rechts. Die Geheimgruppe meiner besten Freunde schlief hingegen langsam ein. Einer von ihnen verstand meinen Facebook-Abschied nicht. „Wir alle hassen es“, sagte er, „aber manche Sachen kannst du dir nicht aussuchen – wie die Schwerkraft.“

Einige haben sie schon überwunden. Ein Freund löschte seinen Account vor Monaten und erzählt, er sei seither viel weniger aufgeregt. Im Jänner sagte der Social-Media-Philosoph Christian Köllerer Goodbye. Er nannte Facebook den „Völkischen Beobachter für den kleinen Mann“ und erinnerte daran, dass Facebook Werbern auch die Zielgruppe „Judenhasser“ anbot (die Plattform hat sie nach öffentlicher Kritik gelöscht). Puls-4-Infochefin Corinna Milborn verkündete jüngst einen Teilrückzug; sie will die Kommunikation auf einen Newsletter verlagern, denn: „Facebook kann mich und jeden von euch jederzeit sperren. Es entscheidet nach nicht nachvollziehbaren Kriterien, ob es Postings ausspielt oder nicht.“ Am Sonntag kündigte auch „ZiB 2“-Anchor Armin Wolf an, lieber seinen neuen Blog als Facebook zu nützen.

Schließlich rief nun auch US-Schauspieler Jim Carrey dazu auf, Facebook zu verlassen. „Facebook hat von der russischen Einmischung in unsere Wahlen profitiert und tut noch immer zu wenig, um das zu ändern“, begründete Carrey. Die russische Wahlwerbung – die sich für Trump starkmachte – erreichte auf Facebook bis zu 126 Millionen US-Bürger. Das erklärte Facebook dem US-Kongress, der die russische Einmischung im US-Wahlkampf untersucht. Längst entscheidet der Silicon-Valley-Konzern auch bei uns Wahlen mit. Die Affäre Silberstein, die mit einer roten False-Flag-Aktion auf Facebook gegen die ÖVP begann. Fake News wie im Präsidentschaftswahlkampf, in dem Alexander Van der Bellen unterstellt wurde, er habe Krebs. Die Hetze der FPÖ, die der Facebook-Algorithmus belohnt, weil er emotionale Postings bevorzugt. Wut wird oft geteilt und hält Nutzer länger am Schirm. Das heißt: mehr Geld für Zuckerberg.

Facebook hat die Gesellschaft in Zielgruppen zersprengt. Impfgegner, Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker haben sich ihre eigene Parallelwelt geschaffen und bestätigen ihre Meinung unter ihresgleichen. In einem Newsfeed, der Propagandaseiten ebenso seriös darstellt wie die New York Times, wird geglaubt, was man glauben will. Der Boulevard hat die Zeichen der Zeit längst erkannt und spielt schamlos auf der blauen Klaviatur. Er optimiert seine Beiträge so, dass Strache sie auf Facebook mit seiner Dreiviertelmillion-Anhängerschaft teilt, um den Boulevardportalen wiederum Klicks zu verschaffen. „+15,95 %! Vorsprung weiter ausgebaut, @krone_at klare Nummer 1 aller Medien im Web“, jubelte Krone-Online-Chefredakteur Richard Schmitt am Freitag auf Twitter über die neuen Zahlen der Österreichischen Webanalyse.

Die Radikalisierung im Netz spüren auch die Richter. Im Februar wurde eine 32-jährige Kärntnerin wegen Wiederbetätigung verurteilt, weil sie auf Facebook den Massenmord der Nazis leugnete. Wenige Tage zuvor wurde ein 19-jähriger Burgenländer verurteilt, weil er auf Facebook fürs Nazi-Regime warb. Laut dem Justizministerium verdoppelte sich die Zahl der Verurteilungen wegen Verhetzung im vergangenen Jahr. Rund 90 Prozent davon habe in den virtuellen Netzwerken stattgefunden. Symbol dafür: das Wiener muslimische Neujahrsbaby, über das sich die Meute übergab. Die Politik wiederum nimmt solche Kommentare als Stimmungsbarometer. Staatssekretärin Karoline Edtstadler (ÖVP), die die Taskforce zur Strafrechtsreform leitet, sagte in der Presse: „Das Internet und Facebook spiegeln schon die Stimmung in der Gesellschaft wider. Und die Justiz funktioniert am besten, wenn die Urteile auf große Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen“ (siehe auch Seite 10).

Wer über Facebook berichten will, stößt bei der Presseabteilung des größten Kommunikationsunternehmens der Welt meist auf Schweigen. Wer sich gegen Facebook-Hetze wehren will, braucht Geld und einen langen Atem. Die ehemalige Grünen-Chefin Eva Glawischnig geht seit Herbst 2016 juristisch gegen einen anonymen Fake-Account vor, der wiederholt verleumderische Hasslawinen lostrat. Die Nutzerdaten rückt Facebook bis heute nicht heraus. Mittlerweile liegt der Fall vor dem EuGH. „Facebook sagt gerne, dass es gegen Fake-Accounts vorgeht“, sagt Glawischnigs Medienanwältin Maria Windhager, „aber wir können das aus unserer Erfahrung nicht bestätigen.“ Max Schrems kämpft wiederum seit mittlerweile fast sieben Jahren darum, dass Facebook den europäischen Datenschutz einhält. Er war zwar zum Teil erfolgreich, aber bis Schrems sein Ziel erreicht, werden noch viele Kilometer die Timeline heruntergescrollt.

Es gibt viele gute Gründe, um zu gehen. Am 6. Februar veröffentlichte ich mein letztes Posting: „Facebook hat mich im Leben nicht weitergebracht. Ich steige heute aus.“ 27 „Gefällt mir“. Sieben weinende Smileys. Ein Herz. Ein staunendes Smiley.

Ich fühlte mich enttäuscht. Ich hatte mir mehr Reaktionen aufs Posting erhofft.

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