"Das ist kein Scheiss"

Die russischen Superstars Leningrad treten erstmals in Österreich auf. Der Leningrad-Sänger Sergej Schnurov vor dem Konzert in Graz über Russenklischees, harte Musik und den neuen Markenrealismus.

HERWIG HöLLER | STEIERMARK, FEUILLETON | aus FALTER 46/05 vom 15.11.2005

Ganz Russland trällerte den Refrain – “W W W Leningrad S P B, R U!”, die Internetadresse der Gruppe war in aller Munde. Und sogar Ljudmila Putina, die Gattin des Präsidenten, tanzte vor laufenden Fernsehkameras zum Lied: Die gemeinsame Heimatstadt – Leningrad, seit 1991 wieder St. Petersburg – scheint zu verbinden. Ansonsten aber wenig, könnte der Kontrast zwischen der Präsidentenfamilie und den schimpftextlastigen Rowdys der Petersburger Rockszene wohl kaum größer sein. “Wenn mich ein Scheißkieberer aufhält, denn ich bin nirgends gemeldet”, singt Sergej Schnurov in jenem Lied, antworte er ruhig, er wohne unter www und so weiter. Nicht gemeldet sein, der alltägliche Albtraum des Unterprivilegierten in Putins Russland: Dafür ist normalerweise gleich die Bestechung des Polizisten nötig und/oder eine Verwaltungsstrafe fällig.

1997 im Petersburger Kulturproletariat gegründet, war Leningrad zunächst eher ein Spaßprojekt. Vier Tage nach der Gründung in einer musikalisch interessierten Billardrunde – so die Legende – gab man das erste Konzert im Off-Kulturzentrum “Puschkinskaja 10”, spielte sieben Lieder, die nicht geprobt werden mussten. Dass Leningrad zu einer der wichtigsten Formationen der russischen Pop- und Rockkultur avancieren sollte, war damals nicht absehbar. Aber bereits 1998/99 galt die Band oder – wie Schnurov heute sagt – “gruppirovka” (Verbrecherbande, Anm. d. Red.) als musikalische Sensation, überzeugte mit ihren energetischen Soundteppichen aus Rock, Ska und urbaner Folklore und sehr expressiven wie volksnahen Liedtexten, füllte bald Konzertsäle.
Sänger und Leningrad-Mastermind Sergej Schnurov, der sich zuvor halb obdachlos mit Gelegenheitsjobs irgendwie durchbrachte, verdankt sein russisches Rockstardasein eher einem Zufall. Sergej Schnurov übernahm das erste Mikrofon erst, nachdem der ursprüngliche Sänger, der Elektronikmusiker Igor Vdovin, die Formation nach einem privaten Streit verlassen hatte. Er erwies sich als einer der begabtesten und charismatischsten Rockinterpreten Russlands. Der Falter erreichte Schnurov telefonisch in St. Petersburg.

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