Das verdrängte Lager

Im k.u.k. Interniertenlager Thalerhof starben nahezu zweitausend Deportierte aus dem Osten der Monarchie. In der Steiermark ist das Lager völlig in Vergessenheit geraten, in der Ukraine ist die Erinnerung an das "galizische Golgotha" lebendig geblieben; Dies sorgt für politische Konflikte.

HERWIG HöLLER | STEIERMARK, POLITIK | aus FALTER 47/05 vom 22.11.2005

In Thalerhof landen. Für Tausende österreichische Staatsbürger, Ukrainer aus Galizien und der Bukowina, gab es während des Ersten Weltkriegs nur wenig Schlimmeres: Das k.u.k. Interniertenlager zwischen 1914 und 1917 und dessen tragische Bedeutung sind in der Steiermark praktisch vollkommen in Vergessenheit geraten. Mit Ausnahme eines schmucklosen Karners, der am Friedhof von Feldkirchen bei Graz verloren im Eck steht, und einer “Lagergasse” weist nichts mehr darauf hin. Selbst Bewohner des Dörfchens am Rande des Grazer Flughafens wissen oftmals nicht, was sich vor neunzig Jahren auf ihren Grundstücken abgespielt hat. Abgesehen von vereinzelten Anekdoten: Man habe sich immer erzählt, dass die Familie H. im Haus gegenüber – so eine Anrainerin zum Falter – eigentlich in einer ehemaligen Aufbahrungshalle lebe. In der Tat, das Haus in der Rennergasse unweit des Flughafens steht genau am Rande des seinerzeitigen “Isolierspitals”, im dem wohl zahlreiche Internierte starben.

Aber auch die hiesige Geschichtsschreibung hat das Thema bislang ignoriert – mit raren Ausnahmen wie Ingo Mirschs Feldkirchener Gemeindegeschichte aus dem Jahr 1999. Apropos Karner: Der Grazer Historiker Stefan Karner, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, erwähnt das Lager in seinem offiziösen “Die Steiermark im 20. Jahrhundert” bloß zwei Mal unter ferner liefen. Einmal als Kriegsgefangenenlager, das es größtenteils nicht war. Ein weiteres Mal als Beispiel für die angebliche Erfolgsgeschichte des Grazer Hygieneinstituts, das zu Beginn des Ersten Weltkriegs Seuchen unter anderen in Thalerhof rasch und effektiv bekämpft haben soll. Ganz so kann es nicht gewesen sein: In ihren ersten Monaten im Lager gingen fast zwanzig Prozent der Insassen an Seuchen zugrunde.

In der Ukraine erinnert man sich hingegen. Thalerhof oder Talergof, wie man dort sagt, gilt als wichtiger historischer Erinnerungsort, über den die meisten ukrainischen Geschichtsbücher berichten. Einige Denkmäler, darunter ein Gedenkstein am berühmten Lyc?akiv-Friedhof in Lemberg, verweisen auf die “Opfer von Thalerhof”. In den letzten Jahren wurde Talergof zudem auch in der ukrainischen Innenpolitik instrumentalisiert, wurde in politischen Diskussionen regelmäßig auf den Ort verwiesen. Und im Oktober 2004 beschloss die Verchovna rada, das ukrainische Parlament, ohne Gegenstimme eine Resolution, in der zur Erinnerung an Thalerhof aufgerufen wurde.

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