Der Eisstoß kommt

Das Geschäft mit Speiseeis war in Wien, bis auf die eine Ausnahme am Reumannplatz, stets fest in den Händen einiger Familien aus Italien. Doch gerade haben die Fratelli-Brüder Jusupov am Schwedenplatz ein Eisgeschäft eröffnet. Wird das Eis jetzt dünner? Wie viele Salons verträgt die Stadt?

CHRISTOPHER WURMDOBLER | STADTLEBEN | aus FALTER 22/06 vom 30.05.2006

Konkurrenz, darüber spricht man nicht gerne. Und die Qualität der Konkurrenz bewertet man schon gar nicht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Hört man sich bei den Produzenten von Speiseeis um, scheint das eine der Regeln zu sein. Eismachen und -essen hat in Wien Tradition, und so mancher Produzent von Gefrorenem blickt auf eine lange Familientradition zurück. So feiern die Molin-Pradels am Schwedenplatz heuer 120-jähriges Betriebsjubiläum (siehe Infobox), und es scheint dem Eissalon Schwedenplatz auch gar nichts auszumachen, dass ein paar Häuser nebenan, Ecke Rotenturmstraße, ein neuer Salon mit edlem italienischem Mobiliar, Designerlampen und gläsernen Theken voll mit italienischem Eis aufgesperrt hat: Die Brüder Ari und Meir Jusupov, die gleich ums Eck bereits länger und erfolgreich die Pizzeria Fratelli betreiben, mischen seit neuestem mit beim lohnenden Geschäft mit dem italienischen Eis – Fratelli Gelato heißt der neue Laden am gut frequentierten Platz. Doch die Mitbewerber bleiben, momentan zumindest, noch ganz cool. Man ist alteingesessen, verweist auf Herkunft, Tradition und seine Stammkundschaft. Stammkunden bleiben, haben sie erst einmal „ihren“ Eissalon gefunden, treu. Manche schon seit Jahrzehnten.

Laut Wirtschaftskammer gibt es derzeit in Wien 153 Berechtigungen, Speiseeis zu erzeugen und in eigenen Lokalen zu verkaufen. Rund die Hälfte aller Salons ist in italienischem Besitz, der wichtigste österreichische Eismacher heißt Tichy, und rund um den Reumannplatz in Favoriten traute sich zumindest bislang niemand, ein Konkurrenzgeschäft zu eröffnen. Dass übrigens bei der Fachgruppe Gastronomie nur 141 Mitglieder gemeldet sind, hat damit zu tun, dass manche mehr als einen Salon betreiben. Ganz schön viel Eiscreme für eine Stadt – vor allem, weil der Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich einer Umfrage des deutschen Eis Info Service (E.I.S.) zufolge mit 6,2 Litern jährlich (Stand: 2004) im europäischen Vergleich eher niedrig ist. Die Finnen konsumieren laut E.I.S. 13,2 Liter pro Jahr und Person und sind die Spitzeneisesser in Europa. Wobei die Schleckmenge sicher auch vom jeweiligen Sommer abhängig ist.

Jetzt möchte da also noch jemand mitnaschen am Wiener Eistraum. Doch nicht nur die Molin-Pradels verkaufen seit jeher Eis am Schwedenplatz, die Rotenturmstraße ein Stück hinauf am Lugeck hat Luciano Zanoni sein Eisgeschäft. Nirgendwo in der Stadt türmen sich Vanilleeis, Stracciatella, Panna cotta oder diverse Fruchtsorten so hoch wie hinter Zanonis riesiger Eistheke. Hier wird gespachtelt, was das Zeug hält. Kaum ein Salon hat so eine große Terrasse mit so viel italienischem Lebensgefühl. Dazu kommt noch das hierzulande ungewöhnliche Abrechnungssystem, bei dem man seine Zeche an der Kasse bezahlt.

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