Der Evolution auf der Spur

Der Cirque du Soleil gastiert mit der großartigen Produktion „Totem“ in Wien


LISA KISS

FALTER:WOCHE | aus FALTER 10/19 vom 05.03.2019

Foto: Cirque du Soleil

Die Schildkröte trägt das Gewicht der Erde. So beginnen viele Schöpfungsgeschichten und auch der atemberaubende Akrobatikreigen der Cirque-du-Soleil-Show „Totem“. Die Artisten fliegen von Stange zu Stange, drehen, überschlagen sich, immer schneller und immer höher. Das Skelett der Schildkröte schwebt in den Himmel, darunter kommen Amphibien zum Vorschein. Die Bühne – ein Wunderwerk an Technik – verwandelt sich virtuell in das Meer, aus dem das Leben ans Land kommt. Dann geht es Schlag auf Schlag. Ein indianischer Künstler erzählt mit Reifentricks zu stampfenden Rhythmen vom Anbeginn der Zeit, ein Athletentrio zeigt an den Ringen einen Kraftakt mit erstaunlicher Grazilität. Entzückend sind die fünf Einradfahrerinnen, die gekonnt mit Metallschüsseln jonglieren, bezaubernd das Turteltäubchen-Duo am Trapez, das mit einem unbeschwerten Tanz in luftigen Höhen Vertrauen und Intimität vermittelt.

Die Show „Totem“ hatte bereits im April 2010 in Montreal Weltpremiere und tourte seitdem durch 45 Städte weltweit, nun ist sie für sechs Wochen in Wien zu sehen. Theater- und Filmregisseur Robert Lepage zeichnet in seiner zweiten Show, die er für den Cirque du Soleil konzipiert, mit viel Erfindergeist und modernster Technik die Evolution der Menschheit nach.

Lange bevor der rote Teppich für das Premierenpublikum der neuen Cirque-du-Soleil-Show ausgerollt wird, wartet auf die Organisatoren eine enorme logistische Herausforderung: Auf einem leeren Platz muss eine ganze Zirkusstadt aufgestellt werden. Die ersten Vorbereitungsarbeiten dafür beginnen, eineinhalb Jahre ehe der erste Lkw auf das Gelände rollt. Die teilweise aufwendigen Bauarbeiten müssen geplant und genehmigt werden, sie starten schließlich mit einem Nagel in der Mitte des Grundstücks. Von dort wird die Position jedes einzelnen Elements eingemessen und angezeichnet. Kabel werden verlegt, wenn nötig auch Wege asphaltiert, unzählige mächtige Nägel in die Erde geschlagen, vier Masten mit je 25,5 Meter Höhe aufgestellt. Wenn es dann so weit ist, bedienen mehrere Arbeiter schwere Greifzüge und heben damit das Zeltdach in die Höhe. Etappenweise werden nun die Stützen rundherum aufgestellt. Nach zwei Stunden harter Arbeit steht das Zelt.

Im Jahr 1982 vom Akkordeonspieler, Stelzengeher und Feuerschlucker Guy Laliberté in der kanadischen Provinz Québec gegründet, entwickelte sich aus einer kleiner Varieté- und Straßentheatergruppe ein internationales Unternehmen, das heute weltweit etwa 5000 Menschen, darunter 1300 Artisten, beschäftigt. Die Akrobaten kommen aus Zirkusschulen, Ballett- und Tanzschulen und aus dem Sportbereich. Jeder Artist durchläuft ein mehrmonatiges Intensivtraining in Kanada, bevor er in einer Show eingesetzt wird. Er verfeinert da nicht nur seine individuellen Talente, sondern bekommt auch Schauspielunterricht und schult seine sozialen Kompetenzen. Beim Kostümdesign bringen die Künstler ihre Wünsche mit ein, schließlich muss es nicht nur beeindruckend wirken, der Artist muss sich damit auch gut und sicher bewegen können.

Damit Hüte und Masken immer perfekt sitzen, kommt ein exaktes 3-D-Modell des Artistenkopfes mit auf Tour. Für das farbenprächtige Make-up ist jeder Darsteller selbst verantwortlich, dabei hilft eine ausführliche Step-by-step-Mappe. Vor der Show wärmen sich die Künstlerinnen und Künstler im hinteren Zelt auf, da kann es hin und wieder recht eng werden. Das Ensemble besteht immerhin aus 46 Darstellern, Akrobaten und Musikern aus 27 verschiedenen Ländern. Ein genauer Zeitplan verhindert Überschneidungen, Streit und Unstimmigkeiten erfordern eine schnelle Klärung, schließlich müssen die Artisten einander blind vertrauen, sobald die Vorstellung losgeht.

Ein Highlight der Darbietungen ist die Diabolo-Szene. Was man mit einem Doppelkegel und zwei Stäben, die mit einer Schnur verbunden sind, alles anstellen kann! Der Kegel läuft scheinbar gegen die Schwerkraft über die Schnur, rauf und runter, schnellt in die Höhe und landet wieder perfekt zwischen den Stäben. Auch bei der Rollschuhnummer vergisst man zu atmen, wenn das ganz in Weiß gekleidete Skaterpaar auf einer winzigen kreisförmigen Plattform in rasender Geschwindigkeit miteinander und umeinander wirbelt. Und dann erst die Athleten aus Weißrussland: Die Barrenstangen liegen auf den Schultern der Stärksten unter ihnen. Die anderen Turner springen von Stange zu Stange, vollführen perfekte Salti und Drehungen, die Stangenhalter unter ihnen sorgen für die sichere Landung.

Die Show ist gespickt mit außergewöhnlichen Darbietungen in fantastischen Kostümen – jedes einzelne ein Hingucker –, perfektem Licht- und Sounddesign auf einer Bühne, die alle Stückeln spielt.


Grand Chapiteau St. Marx, 9.3. bis 22.4.

www.cirquedusoleil.com

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FALTER 12/19
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