Die Flexibilisierungslüge

Die „Flexibilisierung“ der Arbeit war das große Versprechen für mehr Beschäftigung. Tatsächlich hat die Deregulierung keine zusätzlichen Jobs auf Europas Arbeitsmärkten geschaffen, dafür Millionen prekäre Arbeitsverhältnisse. Genau diesem Trend folgt nun auch die ÖVP in ihrem Wahlprogramm

HARALD SCHUMANN, JOSEF REDL | POLITIK | aus FALTER 37/17 vom 12.09.2017

Illustration: Jochen Schievink

Europas Wirtschaft läuft so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Allein in der Eurozone fanden seit Ende 2012 mehr als fünfeinhalb Millionen Menschen eine neue Arbeit. Einer davon ist Christophe Sabelle. Der 36-jährige Franzose arbeitet in der Nähe von Le Mans bei einem Unternehmen, das Etiketten für Getränkeflaschen druckt. Bis vor fünf Jahren führte er eine Pizzeria auf Korsika, als der Pachtvertrag auslief, musste er sich einen Job suchen. Immer wieder. Seit 2011 hatte Sabelle elf verschiedene Arbeitgeber. Seine Arbeitsverträge waren stets zeitlich befristet. Manchmal auf sechs Monate, manchmal auf wenige Wochen. Auch sein jetziger Job hat ein Ablaufdatum. Sabelle arbeitet im Schnitt etwas weniger als 30 Stunden in der Woche. In manchen Monaten wird er öfter gebraucht, in manchen seltener. An welchen Tagen er arbeitet, ob in der Tag- oder Nachtschicht, das erfährt er kurzfristig.

So wie Christophe Sabelle ergeht es Millionen Menschen in Europa. Vier von fünf der fünfeinhalb Millionen Jobs, die in Europa in den vergangenen fünf Jahren geschaffen wurden, sind Teilzeitjobs oder befristet und meist niedrig entlohnt. Das hat Eurostat, das statistische Amt der EU, errechnet. Gleichzeitig wünschen sich zwei Drittel der Betroffenen unbefristete Vollzeitstellen, konstatiert die EU-Kommission im jüngsten Bericht über den EU-Arbeitsmarkt.

Doch warum hat die von Soziologen sogenannte „Prekarisierung“ der Arbeit ein solches Ausmaß erreicht? Und was muss geschehen, um sie aufzuhalten? Diesen Fragen ist Investigate Europe, ein Journalistenteam, mit dem der Falter als Medienpartner kooperiert, nachgegangen. Der Befund ist ernüchternd: Bei der Regulierung der Arbeitsmärkte folgen Europas Regierungen und die EU-Kommission seit Jahren Annahmen und Theorien, die sich als falsch und wirklichkeitsfremd erwiesen haben. EU-Kommissare und Finanzminister der Eurogruppe setzten systematisch Kollektivverträge außer Kraft, bekämpften Gewerkschaften und förderten so Ungleichheit und Prekarisierung. Österreich hat diesen Wettlauf nach unten für Löhne und Arbeitnehmerrechte bislang kaum mitgemacht. Das könnte sich aber bald ändern. In den Wahlprogrammen von ÖVP, FPÖ und Neos wird der Ruf nach Flexibilisierung nach deutschem Vorbild laut.

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