Die Gaudi der Saubermänner

Das Ibiza-Video enthält eine beunruhigende Botschaft: Der rechte Hedonismus bleibt weiterhin verführerisch


MATTHIAS DUSINI

FEUILLETON, FALTER 22/19 vom 28.05.2019

Foto: MANFRED FESL / APA / picturedesk.com

Zuerst Balzrituale mit Sushi und Champagner, dann von Wodka-Red-Bull angeheiztes Uga-Uga – schon wollte der ehemalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache die halbe Republik verscherbeln. Sollte einer, der öffentlich Korruption anprangert und privat krumme Geschäfte dreht, das Disco-Leiberl gegen das Büßergewand eintauschen?

Die Empörung über das Ibiza-Video führte zu raschen, möglicherweise falschen Schlussfolgerungen. Die „bsoffene Gschicht“ könnte Strache weniger schaden als vermutet. Denn neben den verbalen Fehlleistungen enthält das Video eine nonverbale Botschaft, die zumindest bei den überzeugten FPÖ-Wählern gut ankommt: Du darfst!

Der Abend auf Ibiza enthält alles, was eine Flucht aus dem moralisch überreglementierten Alltag ermöglicht. Strache und sein Kumpel, der ehemalige Klubobmann Johann Gudenus, performen entlang der Fun-Archetypen Alkohol und Frauen, ehe sie zum Gesang in die Disco aufbrechen. Sieht man den Film der Überwachungskameras ohne Ton, offenbart er ein unterschätztes Potenzial des Rechtspopulismus. Der Appell lautet: Wir lassen uns von den politisch korrekten Spaßbremsen nicht die Party verderben. Regieren heißt, die von linken „Tugendterroristen“ errichteten Stoffwechselbarrieren abbauen.

Die Abschaffung des Rauchverbots und das Tempo 140 auf der Autobahn gehören zum Programm einer Partei, die gestrige Vergnügungen wieder möglich machen will. Wie gut das ankommt, wird an den Facebook-Profilen deutlich, deren Inhaber und Inhaberinnen Strache aufmunternde Worte posten. Viele Fans zeigen als Profilbild kein Porträt, sondern ein flottes Auto. In dieser Welt heißt es „Pimp my ride“ und nicht „Begegnungszone“. Strache blieb auf Ibiza seinem Stil treu und der heißt: Hedonismus.

Als Sportminister spielte Strache, in Anzug und Krawatte, das einfache Mitglied des Establishments. Trashig, machohaft und Kette rauchend, kehrt er zu seinen Anfängen in der Vorstadtdisco zurück. „I’m the Red Bull brother from Austria“, rief er der russischen Gastgeberin zu. Auch wenn Bürger über den Anblick eines prahlenden Gockels entsetzt sind, signalisiert der Edelproll anderen, dass sie sich in ihm nicht getäuscht haben. Mögen sich die Eliten in ihre Yogaressorts zurückziehen und auf vegane Ernährung achten: Unser H.-C. lässt es krachen. Der Wildererbonus wirkt.

Ein Blick in die Skandalchronik verdeutlicht den Erfolg des rechten Genießens. Als Fürst des Vulgären gilt Silvio Berlusconi, der die Arbeit eines italienischen Ministerpräsidenten gerne auf Yachten und in Nachtclubs verrichtete. Während der deutsche Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder den Verdacht abstritt, die Haare gefärbt zu haben, stellt Berlusconi operative Eingriffe – Haarverpflanzungen und Hautstraffungen – stolz zur Schau. In seiner Villa in Sardinien lud er Gäste nach dem Abendessen zu „erotischen Desserts“ ein. Minderjährige Prostituierte kostümierten sich als Staatsanwältinnen und tanzten lasziv. Der Gründer der Partei Forza Italia war in zahlreiche Korruptionsfälle verstrickt, ohne einen Funken von Reue zu zeigen. Berlusconi stellte die Käuflichkeit als Beweis dafür dar, dass er trotz seiner Milliarden ein Mensch wie jeder andere blieb – ein Mann mit Bedürfnissen.

Auch der deutsche Rechtsaußen Ronald Schill schlug über die Stränge. Als Jurist bekam er den Titel „Richter Gnadenlos“, da er sehr hart gegen straffällige Jugendliche und Ausländer vorging. 2000 gründete er eine Partei, die für die Kastration von Sexualstraftätern eintrat. 2001 bekam er in Hamburg fast 20 Prozent der Stimmen und wurde zum Zweiten Bürgermeister und Innensenator gewählt. Schill wollte den Bürgermeister wegen dessen Homosexualität erpressen, worauf der Abstieg des Provokateurs begann. 2008 kaufte die Bild ein Video, das Schill beim Kokainkonsum zeigte. Heute lebt er in einer Favela in Rio und klopft nur mehr Sprüche, wenn sich ein Kamerateam aus der Heimat blicken lässt: „Hier gibt es noch die Faszination zwischen echten Kerlen und herrlichen Weibern.“

Die von den Rechtspopulisten geforderte Hemmungslosigkeit geht einher mit dem Hass auf gesellschaftliche Liberalisierungen, die die Privilegien der Rudelführer infrage stellen. Das Ressentiment richtet sich gegen queere Aktivisten und Feministinnen oder, ganz allgemein, gegen die Vorstellung, dass es andere, nicht angepasste Formen von Hedonismus geben könnte. Der liberale Westen gilt als Synonym für den Verfall von Werten, die das eigene Fun-Kapital sicherstellen.

Wenn Rechtspopulisten an Dekadenz denken, dann nicht an Kokslines in Oligarchenvillen, sondern an Schwulenehe und notenfreien Unterricht. Ihre Hasspredigten bekommen auch deshalb so viel Applaus, weil sie die roten Tücher „Genderwahn“ und Political Correctness mit der Aussicht auf eine heile Welt vernähen.

Wenn es um die Familie und das Vaterland geht, werden Rechtspopulisten plötzlich brav. In weinerlicher Sentimentalität säuseln sie von einer Welt, in der alles noch gemütlich, liab und ohne gendergerechte Schreibweise war. Diese Mischung aus idealistischer Regression und materialistischer Gier verfängt. Warum Volksvertreter wie Strache nicht als Volksverräter durch das Dorf gejagt werden?

Jahrelang von den Volksparteien zum Paria erklärt, baute die FPÖ gewaltige Opferkapitalrücklagen auf. Egal, was sich einzelne Mitglieder zuschulden kommen lassen, moralisch verwerflich ist immer das aus „Altparteien“ bestehende System, das sich in Verbindung mit dunklen Mächten in Industrie und Medien gegen den kleinen Mann verbündet.

Sogar der von Strache angeregte Verkauf vaterländischer Aktien etwa in Form des Gemeinguts Wasser und der gemeinen Kronen Zeitung soll als interne Angelegenheit erledigt werden. „Die Freiheitlichen sind eine große Familie“, hieß es nach Platzen der Ibiza-Bombe. In dieser Logik macht Strache im Suff nur das, was die Etablierten im nüchternen Zustand ergaunern.

Wenn das Establishment angreift, schließt das kameradschaftliche Wir die Reihen. Noch im Zustand der Besinnungslosigkeit greift die Unschuldsvermutung: Zahlreiche Verschwörungstheorien ranken sich um den Autounfall Jörg Haiders (siehe Seite 30), Joschi Gudenus gibt K.-o.-Tropfen die Schuld. Wer auf der Seite des Volkes steht, bleibt selbst im Rausch ein Lamperl.

Der politische Gegner hat dafür leider nur Verachtung übrig. Betrachtet man das Ibiza-Video nach feministischen Kriterien, handelt es sich um ein Black-out. Die Gastgeberin spielt die verführerische Femme fatale, ein Frauenbild aus der Gendersteinzeit. Die ebenfalls anwesende Ehefrau von Johann Gudenus, Tajana Gudenus, übernimmt die Rolle der schweigenden Zierleiste, die den wichtigen Ausführungen des Patriarchen folgt. Ihr Ehemann seinerseits mimt Straches unterwürfigen Assistenten. Die homoerotische Männerfreundschaft wiegt mehr als die Beziehung zur Partnerin, die sich auf schmückende und familiäre Aufgaben zurückzieht.

In seiner Rücktrittsrede erwies sich Strache als Kenner aktueller Geschlechterkritik. Er entschuldigte sich für „ein typisch alkoholbedingtes Macho-Gehabe“, mit dem er die attraktive Gastgeberin beeindrucken wollte. Ein Musterbeispiel dessen, was Psychologen „toxic masculinity“ nennen: ein phallisch aufgepumptes Selbst verliert sich im Größenwahn.

Den Kritikern des Rechtspopulismus wird dieser Moment der Selbstentlarvung leider weniger einbringen als erhofft. Denn eines ist klar, die Hoheit über den Rausch der Sinne hat die Linke längst verloren. Der Aufstand gegen das Diktat des Über-Ichs begann mit dem vielversprechenden Kampfruf „Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll!“. Doch diese Revolte gegen Kirche, Staat und Familie blieb in einem moralischen Stellungskrieg stecken. Die Rockmusik gilt längst als Rückzugsort für männlich-weiße Transgression, Sex hat durch die semantische Nähe zum Begriff „Missbrauch“ einen schlechten Ruf.

Auch wenn der Gebrauch von Drogen die politischen Lager verbinden mag, in den Diskussionen über das richtige Leben haben psychotrope Substanzen – die laut Gudenus in Ibiza im Spiel waren – ihren Kredit aufgebraucht. Hier bestimmen Ursprungszertifikate den Konsum, der von Strache und Gudenus verspeiste Seebarsch-Carpaccio wird verschmäht, wenn er ohne Biosiegel auf dem Tisch landet. Sexy aufgetakelte Tussis, so wird die Gastgeberin beschrieben, kennt man in korrekten Milieus eigentlich nur aus den Auftritten von Dragqueens.

Das Triebleben des gemeinen FPÖ-Gegners leidet unter zahlreichen Einschränkungen. Der Traum vom Fliegen wird durch Flugscham in einen Albtraum verwandelt, auf Fressattacken folgt die Mikroaskese etwa in Form von Intervallfasten. Sexuelle Anbahnungen werden in naher Zukunft von schriftlichen Einverständniserklärungen begleitet sein. Moralische Selbstoptimierung verunmöglicht den hemmungslosen Konsum, wie er in Ibiza so anschaulich vorgeführt wird.

Der rechte Hass auf alle, die freiwillig auf die Beute verzichten, lässt sich aus einer tief sitzenden Angst erklären. Die Bestrebungen des Feminismus zielen darauf ab, die Sexualität vom Stigma des Patriarchats zu befreien.

Wie der Philosoph Slavoj Žižek schreibt, soll in einem emanzipierten Genießen alles, was vom männlichen Blick fetischisiert wird, entmystifiziert werden. Die weiblichen Brüste verwandeln sich dann in normale Körperteile, die Beschäftigung mit Menstruation und Ausscheidungen entzaubert – „entsublimiert“– die Vagina, das ultimative Objekt männlichen Begehrens.

Seit den 1960er-Jahren heißt Befreiung immer auch Entsublimierung. Die Kommune des Künstler Otto
Muehl etwa inszenierte Sex als vulgäres Kopulieren, aus dem jede erotische Spannung verschwindet. Der Schrecken für die Anhänger konventioneller Verführung war groß und sollte sich noch Jahrzehnte später im rechten Schimpfwort der „linksversifften 68er“ niederschlagen. In dieser Einschätzung sind die Linken jene, die Sex ohne Erotik haben wollen – und Hedonismus ohne wirklichen Spaß.

Die Wiener Gäste bewegten sich auf Ibiza in einem Raum, in dem das Mysterium Frau intakt zu sein schien, in einem heteronormativen Safe Space. Hier gab es keinen, der den Kavalier zum potenziellen Vergewaltiger erklärte und Komplimente zum Aussehen als sexuellen Übergriff brandmarkte. Die Frauen trugen Highheels, Minirock und sexy klappernden Schmuck, Accessoires aus dem Bilderbuch patriarchaler Mystik.

Nur einen Augenblick lang drohte dieser Ausflug in die Prähistorie feministischer Selbstermächtigung zu kippen. Straches Blick fiel auf die Zehen der russischen Gastgeberin und er bemerkte schmutzige Nagelränder. „Falle, Falle, eine eingefädelte Falle“, zischte er seinem Begleiter Gudenus zu, der ihn beruhigte. Es handelte sich genau um jenes blitzartige Erwachen, das Žižek beschreibt, jenen Augenblick, in dem sich erotische Erregung in vulgäre Realität verwandelt. Nicht die Ahnung davor, hineingelegt zu werden, schockierte den Stenz, sondern die Erinnerung an ein Trauma. Vor dem geistigen Auge blitzten die Feinde auf: schmutzige Hippies, unrasierte Beine, Ökofreaks. Spuren von Männlichkeit – echte Kerle müssen es mit der Hygiene nicht so genau nehmen– brechen in die imaginierte Weiblichkeit ein. Nicht der Nazivorwurf brachte Strache aus der Fassung, sondern schmutzige Zehennägel in Highheels.

An diesem Punkt mag sich der blaue Blaue gefragt haben, ob er in eine Genderfalle getappt sei: der Vorkämpfer für die Ungleichheit der Geschlechter im Fadenkreuz von Transgender-Partisanen. Sex mit einer russischen Spionin würden die FPÖ-Anhänger ihrem Idol verzeihen. Aber niemals ein Tête-à-tête mit Conchita Wurst.

Das linke Entsetzen über den Abend wird durch die Vulgarität der Inszenierung angeheizt. Man sieht den in ein zu enges T-Shirt gepressten Schmerbauch Straches und enthemmte Männer, die mit protzigen Champagnerflaschen fuchteln. Die Filmästhetik erinnert weniger an aufgeräumte Instagram-Paradiese, sondern an den Schmuddelsex von Youporn. Doch auch das sollte nicht überbewertet werden. Wenn die einen „Sexist!“ rufen, sagen andere: „Leider geil!“ Gewählt wird der angebliche Saubermann, geliebt der Hallodri in ihm. F

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