Die Grenzen des Erinnerns

Der in Graz lebende Fotograf Seiichi Furuya hat sein großes Erinnerungsprojekt „Mémoires“ zu Ende gebracht

THOMAS WOLKINGER | STEIERMARK, MEDIEN | aus FALTER 41/10 vom 12.10.2010

Es endet, wie es begonnen hat. Für den Titel seines eben erschienenen Buches „Mémoires. 1984-1987“ hat der in Graz lebende Fotograf Seiichi Furuya genau dasselbe Bild ausgewählt, das schon auf dem ersten, 1989 erschienenen Band seines so berührenden wie verstörenden Erinnerungsprojekts zu sehen war. Das Bild zeigt Furuyas Frau Christine Gössler, in spätes, gelbes Licht getaucht, in ihrem Blick ein Glanz von Traurigkeit. Der Schatten Furuyas, der in diesem Moment den Auslöser betätigt, zeichnet sich auf ihrem Körper ab, an der Wand hinter ihr ist ein Ausschnitt einer billigen Reproduktion von Jean-François Millets kontemplativem Totengedenken „L’Angelus“ zu erkennen.

Entstanden ist das Foto Anfang Oktober 1985 im neunten Stock eines Ost-Berliner Plattenbaus, in der Wohnung, die Furuya damals mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn Komyo Klaus bewohnte. Wenige Tage, nachdem es gemacht wurde, stürzte sich Christine Gössler, die unter schweren Depressionen litt, aus dem Fenster dieser Wohnung zu Tode.

In Furuyas Werk stellt dieses auratische Porträt ein Schlüsselbild dar, in so gut wie allen seinen Fotobüchern taucht es an zentraler Stelle auf, markiert einen Ort zwischen Nähe und Ferne, zwischen Wirklichkeit und Abbild, zwischen Leben und Erinnerung, um den seine Arbeit seither beständig kreist. Fünf „Mémoires“-Bände und eine ganze Reihe weiterer Fotobücher hat Furuya veröffentlicht und darin die Porträts seiner Frau, die er 1978 in Graz kennengelernt hatte und bis zu ihrem Freitod am 7. Oktober 1985 Tausende Male fotografiert haben muss, in immer neuen Arrangements in Beziehung zu anderen Arbeiten gesetzt. Um Klarheit über das Geschehene zu gewinnen, um der „Wahrheit“ ihres Todes näherzukommen, um zu trauern, um selbst am Leben zu bleiben.

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