Die sind weg (VII)

War das ein Gehupe und Gefiepe im Blätterwald als sich die Sonne über Essling, einer Siedlung am Rand des 22. Wiener Gemeindebezirks verdunkelte. „Invasion der Horrortiere“, nannte es die ATV- Nachrichtensprecherin und der Kurier berichtete vom Tatort, wo die einjährige Alina nicht mehr im Garten spielen darf:


PETER IWANIEWICZ
FALTERS ZOO | aus FALTER 32/08 vom 06.08.2008

„Wir leben im Grünen, aber wir müssen Türen und Fenster verriegeln“, wird die Kindesmutter zitiert. Zu spät kam jegliche Barrikade für Bernd Ackermann und seine Schwiegereltern: „Wir sind mit dem Mittagessen ins Haus geflüchtet, doch dort waren sie auch schon überall.“ Wurde Essling von Zombies überfallen? Fanden Dreharbeiten zu einem Remake von Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ statt? Weit gefehlt, die nett anzusehenden, aber mit solidem Appetit auf Nachtschattengewächse ausgestatteten Kartoffelkäfer hatten sich von einem nahen Acker in die Vorgärten verirrt. Grund genug für die Medien, selbst zum Lokalaugenschein auszuschwärmen und über eine Katastrophe zu berichten, die an Ausmaße einer biblischen Plage denken ließ. Doch als die letzten Redaktionsazubis am Ort des sommerlichen Themenlochs angelangt waren, hatten sich die Insekten bereits wieder verzogen. Rätsel bleiben nur noch hinsichtlich der korrekten Mengenbezeichnung für invasive Kartoffelkäfer offen: War es ein Schwarm, ein Rudel, eine Schar oder gar eine Horde (wie Radio Arabella meinte)? Oder sind Kartoffelkäfer die neuen Heuschrecken? Karl-Heinz Grasser hatte anlässlich der letztwöchigen Hauptversammlung der börsennotierten Meinl European Land eben jene „Heuschrecken“ als Grund für die horrenden Verluste der Gesellschaft angeführt. Diese schaurig-schöne Tiermetapher wurde am 17. April 2005 vom damaligen deutschen Sozialminister Franz Müntefering in einem Interview mit der Bild am Sonntag in die Welt gesetzt: „Manche Finanzinvestoren (…) fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.“ Darauf replizierte der Historiker Michael Wolffsohn, dass jene im Nationalsozialismus verbreiteten Denkmuster immer noch vorhanden seien und führte auch Münteferings Vergleich als Beispiel an: „60 Jahre danach werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die als ‚Plage‘ vernichtet, ‚ausgerottet‘ werden müssen. Heute nennt man diese ‚Plage‘ ‚Heuschrecken‘, damals ‚Ratten‘ oder ‚Judenschweine‘.“ Daraufhin haben Wertpapierhändler den Begriff „Heuschrecken“ zum Börsenunwort des Jahres 2005 gewählt. Na ja, wenn’s hilft.


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