Ein Jahr mit Günter

Auf der Suche nach Geld, Liebe und einem Dach über dem Kopf – wie lebt ein Obdachloser in Wien?

NINA STRASSER | STADTLEBEN | aus FALTER 51/17 vom 19.12.2017

Foto: Nina Strasser

WINTER

Günter Josef Lechner wohnt am Wiener Donaukanal, in einem Wäldchen nicht weit weg vom Pferdeleberkäsestand. Im Winter verbringt er viel Zeit im Liegen. Oft döst er einfach vor sich hin. Eine Decke verhüllt den Körper. Der Bart bedeckt viel vom Gesicht. Die Nase ziert eine lange Narbe. Viel mehr sieht man von ihm nicht. Die Schuhe sind parallel unter seinem Lager aufgestellt, das Günter auf einer Parkbank aufgeschlagen hat. Eine Krücke lugt hervor, ein Koffer, Plastiksäcke und Papier. Sein Feuerzeug entzündet eine Zigarette. „Servas“, sagt er mit rauer Stimme, er ist mit jedem gleich per du. Und am Ende eines Satzes lacht Günter oft in sich hinein. Besuchern bietet er zum Sitzen – eine Armlänge entfernt – einen Baumstumpf an.

59 Jahre ist Günter alt, seit fünf Jahren lebt er auf der Straße. Er stammt aus Enzenreith am Schrammelteich, einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich. Früher hat er gern gebastelt und Modellschiffe gebaut. Er schwärmt von der Miniatur des gesunkenen Luxuskreuzers Titanic und davon, wie er einst in ihrem Innenraum Lämpchen mit einer Pinzette installiert hat.

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