Ein Langos wie früher

Die Lamperie zeigt, dass es auch Gentrifizierung mit menschlichem Antlitz gibt


FLORIAN HOLZER

12.03.2019

Foto: Heribert Corn

Wo waren Sie, als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel? Wo waren Sie, als sich am 27. April 1986 herausstellte, dass Tschernobyl doch kein gewöhnlicher Störfall war? Saßen Sie da irgendwo mit einem Getränk und überlegten, dass da vielleicht gerade der Hauch der Geschichte durch den Raum wehte? Also zumindest, wenn Sie schon auf der Welt waren und alt genug, um ein Getränk bekommen zu dürfen. Und sich noch daran erinnern können.

Smiljka Momirovic, die in Kroatien geboren wurde, in Bosnien und Serbien aufwuchs, sich als „klassische Jugoslawin“ bezeichnet, kam ungefähr zu dieser Zeit als junges Mädchen nach Wien. Das Stuwerviertel wurde bald zu ihrer Heimat, in der sie jeden und jede kannte, und Gastronomie zu ihrer Bestimmung. Zwanzig Jahre lang führte sie das Lindwurmstüberl, bis sie es irgendwann nicht mehr wollte und Roland Soyka voriges Jahr das wunderbare Stuwer daraus machte. Irgendwann kaufte sie auch das Inge&Walter-Beisl beim Ilgplatz, verpachtete es, kümmerte sich nicht weiter drum.

Und sperrte es voriges Jahr dann wieder auf, gemeinsam mit Roland Soyka. Sie renovierten ein bisschen, sie ließen sich von zwei jungen Designerinnen in Polen ein Konzept außenliegender Lichtkabel und alter Isolatoren machen. Und sie überlegten, wie man die Langos, die Smiljkas Oma immer machte, wenn die Kinder schnell was zu essen brauchten, in einem Bar-Beisl des Stuwerviertels im Jahr 2019 umsetzen könnte.

Gleich vorweg: Das Lamperie genannte Lokal – der Name bezieht sich übrigens auf die (etwas grob ausgeführte) Holzverkleidung, aber für die, die jetzt nicht so genau wissen, was eine Lamperie eigentlich ist, eben auch auf die Kabelführung der Lampen – ist nicht so wie das Stuwer. Nicht so hipp, nicht so Stuwerviertel 2.0.

Das Lamperie ist ein bisschen ein Hybrid aus dem alten und dem neuen Stuwerviertel, erinnert noch ein bisschen an die Lokale, in denen man eventuell hätte sitzen können, als man erfuhr, dass gerade eine Atomkatastrophe stattgefunden hat oder die Mauer gefallen ist. Ist aber dann halt doch ein bisschen frisch und neu.

Etwa wenn die junge Bar-Chefin Gül das Langos an den Tisch bringt, das Smiljka Momirovic in der Küche in Anlehnung an das geniale Istanbuler Fischbrötchen Balik Ekmek mit Forellenfilet, reichlich Petersilie, Tomaten, Zwiebel, viel Knoblauch und Limette auftürmt (€ 11,90), und aus den acht kleinen Lautsprechern tönt „Mr. Blue Sky“ von ELO. Großartig. Und als ein Glas vom Gemischten Satz vom Christ aus Jedlersdorf kommt, läuft Fleetwood Macs „The Chain“, noch einmal großartig. Vorn an der Bar sitzt ein alter Mann, trinkt seine fünf Bier, raucht sein Packerl Tschick und erzählt wahnsinnig laut aus seinem öden Leben. Weniger großartig, genau so wie früher immer. Aber insgesamt doch viel besser.

Resümee:

Ein neues Lokal, dem es ganz gut gelingt, altes und neues Stuwerviertel miteinander zu verschmelzen. Das Alte ist da, das Neue wird gewinnen.

Lamperie
2, Obermüllnerstr. 17, Tel. 0650/462 92 75, Di–Sa 17–2, www.lamperie.at

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