Eine Stadt sieht rot

Michael Häupls SPÖ steuert zielsicher auf die nächste Absolute zu. Was kann die Opposition der roten Übermacht überhaupt entgegensetzen? Nüsse? Schlauere Visionen? Oder einfach Dirty Talking?

JULIA ORTNER, NINA WEISSENSTEINER | POLITIK | aus FALTER 39/05 vom 27.09.2005

Die Funktionäre geben ihr Bestes. Der Wiener ÖVP-Obmann auch. “Diese Stadt hat keine Konzepte!”, ruft Johannes “Gio” Hahn empört von seiner Tribüne am Rathausplatz. Das Parteivolk trommelt mit den aufblasbaren “Go for Gio!”-Keulen, als gäbe es kein Morgen. Dann: “Diese Stadt wartet noch immer auf die Perestroika!” Wieder hämmert und wachelt der halbe Platz wie wild mit seinen Luftknüppeln. Doch nicht alle geraten derart in Verzückung. Während der schwarze Frontmann beim ÖVP-Wahlkampfauftakt minutenlang über “sein tolles Team für den Gemeinderat” schwadroniert, sinkt einem ergrauten Herrn im eleganten Lodenmantel plötzlich das Kinn auf die Brust. Bei jedem Knüppelgewitter schreckt der Entschlafene erneut hoch. Bis Hahn einen überdimensionalen Wecker auf sein Rednerpult wuchtet und das Auditorium beschwört: “Es muss gelingen, dass diese Stadt aufwacht! Damit es richtig scheppert!” Knüppeldicker Schlussapplaus. Der Lodenmantel reibt sich die Augen. Klatscht pflichtbewusst – und enteilt.

Esoterikmusik dudelt leise vor sich hin, die Basis lümmelt in weichen Kinositzen, über ihr das Sternenzelt. Parteichefin Maria Vassilakou spricht ruhig, eindringlich, wie bei einem Wohlfühlseminar am Semmering. Alles sehr entspannt beim grünen Wahlkampfauftakt im Planetarium. “SPÖ wählen wird langsam fad”, sagt Vassilakou. Aber wirklich. Szenenapplaus. Das Planetarium ist schick grün ausgeleuchtet, draußen gibt’s Grünen Veltliner. Die Funktionäre haben sich auch fesch gemacht, “bitte nicht in Freizeitkleidung”, ist auf den Einladungen gestanden. Am Schluss wird das Firmament vom 23. Oktober, dem Wahltag, in die Kuppel projiziert – und ein neuer Stern steigt auf: das grüne Logo, hallo! Ein Funktionär lästert aus dem Off: “Das schaut aber saufinster aus.”
In diesem Wahlkampf sind die Aussichten für die Opposition tatsächlich düster. Laut Umfragen werden Michael Häupls Genossen satte 55 Prozent einstreifen – und die Stadt für weitere fünf Jahre absolut regieren. Damit avancieren die Rathaus-Roten endgültig zu einem “europaweiten Unikat”, analysiert der Politologe Anton Pelinka: In keiner Metropole weiß eine Bürgermeisterpartei heute noch derart viele Stimmen hinter sich wie Wiens Sozialdemokraten. Einzige Ausnahme: Das Moskauer Stadtoberhaupt Jurij Luschkov amtiert mit ähnlichen Traumwerten wie Amtskollege Häupl. Pelinka: “Am ungewöhnlichsten an den Wiener Verhältnissen ist, dass es die zweitgrößte Partei diesmal auf nicht einmal zwanzig Prozent schaffen wird.”
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