Gentrify Radetzkyplace!

Sonnenstudios zu Szenelokalen! Weißgerber wird plötzlich modern


FLORIAN HOLZER
aus FALTER 26/13 vom 30.06.2013

Trotz unmittelbarer City-Nähe kam der Radetzkyplatz und das ihn umkreisende Weißgerber-Grätzel bisher noch nie in den Verdacht, irgendwie cool oder forciert urban werden zu wollen. Hat auch nie wer behauptet, da gaben und geben die Urbanitätsauguren derzeit sogar Meidling und Fünfhaus größere Chancen auf Hipness.

Gut, das Gasthaus Wild, ein nur schwer wiederholbares Pionierprojekt, und das indische Restaurant Indus, das seine moderne Betonoptik aber eh mit einer indischen Speisekarte ohne alle Anzeichen von kulinarischer Revolution konterkariert, die sorgten ein bisschen für Bewegung. Aber sonst blieb die hiesige Hegemonie von Sonnenstudios, Nagelsalons und Handyshops unangetastet.

Bis vorige Woche, denn da wurde das Café Menta eröffnet; davor war hier ein Bräunungsstudio. Was man jetzt als nicht weiter beunruhigendes Zufallsphänomen betrachten könnte, wenn einer der beiden Menta-Macher nicht Ilhan Dogan wäre. Und Ilhan Dogan machte neben vielen verschiedenen Dingen eben auch das Do-An am Naschmarkt, das er 1997 aus einem Würstelstand gegenüber seines Gemüsegeschäfts basteln ließ und damit den Startschuss zur Bobo-Invasion gab. 2000 eröffnete er die Schöne Perle beim Karmelitermarkt, den damals auch noch kein Mensch kannte. Wenn also Ilhan Dogan am Radetzkyplatz aus einem Bräunungsstudio ein schickes Café macht, könnte es sein, dass es bis zu den nächsten Microbreweries, Direct-Trade-Third-Wave-Kaffeeröstereien, Nullenergiehäusern und Fahrradwerkstätten nicht mehr lange hin ist.

Das Café Menta ist jedenfalls wirklich schön geworden. Geschäftsführerin und -partnerin Selda Gürsesli und Ilhan Dogan ließen grau ausmalen, Industrielampen montieren, Industrieparkett verlegen, neue Tischplatten auf alte Kaffeehaustischfüße schrauben, Rainer-Stadthallensessel danebenstellen, eine schöne Metallbar schweißen und wunderschöne Zementfliesen in den Klos verlegen. Man wolle mit der Gestaltung Denkprozesse anregen, sagt Selda Gürsesli. Mag sein, es ist jedenfalls offen und schön geworden.

Die Karte wird, wenn sie erst einmal angelaufen ist, interessant sein, den Branzino-Sandwich, zum Beispiel, macht man nach Vorbild Istanbuler Fischbratereien, war bei meinem Besuch leider noch nicht vorrätig (€ 6,–).

Überhaupt gab’s erst wenig, anderes (etwa die interessant klingenden Tortillas) gibt’s dafür wieder nur zum Frühstück, der Koch aus Sardinien war noch nicht da, Rechnung konnte keine gedruckt werden. Aber okay, die mit türkischem Chili gebratenen Garnelen auf Soja-Nudeln waren nett; warum Soja und nicht echte Pasta, ist unklar (€ 8,–). Und das Hühnerfilet in Sesam-Minz-Kruste auf Hirtensalat schmeckte richtig gut, hätte vielleicht weniger trocken gebraten werden müssen. Aber das wird schon noch.

Resümee:

Das erste coole Lokal im Weißgerber-Grätzel – schön, frisch, viel Frühstück, Cocktails und bald auch ein bisschen mehr zu essen.

Café Menta

3., Radetzkypl. 4, Tel. 01/966 84 23,
Öffnungszeiten: Mo-So 08:00 – 24:00, Küche: Mo-So 08:00 – 23:00


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