Gott will es

Peter Iwaniewicz fragt sich, ob invasive Tierarten auch in den Himmel kommen


PETER IWANIEWICZ

FALTERS ZOO, FALTER 23/19 vom 04.06.2019

Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Der Wiener Dompfarrer Toni Faber ist ein schlagfertiger Mensch. Als er bei einem Interview nach seiner Lieblingsmehlspeise gefragt wurde, antwortete er: „Kardinalschnitte“. Und sein Lebensbaum? Der Götterbaum. Gute Wahl, wenn auch aufgrund der Vielgötterei ein bisschen heidnisch. Und ein solcher Baum wächst auch direkt an der Südwestseite des Stephansdoms. Bienen und andere Insektenarten weiden dort auf seinen Blüten und der Ailanthusspinner, ein riesiger Schmetterling, ernährt sich von den Blättern. Doch dieses kleine Paradies ist bedroht, denn die Europäische Kommission arbeitet an einem weiteren Update der „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“, und darin wird unter anderem auch der Götterbaum aufgelistet. Wird diese Liste angenommen, dann muss jeder Mitgliedsstaat entsprechende „Beseitigungs- und Managementmaßnahmen“ setzen. Man könnte das populistischer auch mit „zack, zack, zack“ übersetzen.

Als man 1860 die neue Wiener Ringstraße bepflanzte, verwendete man Götterbäume dafür, 2005 wurde dann das letzte Exemplar am Ring gefällt.

Auf der Unionsliste stehen zur Zeit 49 Tier- und Pflanzenarten, die als „invasiv“ eingestuft werden. Das ist ein eigenartiger Bannspruch, mit dem in Europa Tiere wie die Bisamratte, die Schwarzkopfruderente, das Graue Eichhörnchen oder der Marderhund belegt werden.

Fast immer waren Menschen daran aktiv oder passiv schuld, dass diese Lebewesen aus ihren ursprünglichen Lebensräumen verschleppt wurden. Und jetzt will man quasi diese Zahnpasta wieder in die Tube zurückdrücken. Mit dem militärischen Begriff „Invasion“ erzeugt man das – falsche – Bild einer geplanten Attacke durch feindliche Mächte. Und die Definition, warum eine Art als invasiv eingestuft wird, erinnert sprachlich an die Rassenbiologie des Naziregimes: Zuwanderer verdrängen heimische Lebewesen durch Konkurrenz, Vermischung oder Krankheiten. Die Diskussion über die „Gefährlichkeit“ einer Art wird entweder von wirtschaftlichen Interessen bestimmt (Jagdkonkurrenz) oder man schiebt scheinheilig Naturschutzgründe vor. Oder hat bisher die Öffentlichkeit schon das Wohlergehen der Gelbbauchunke interessiert, die angeblich durch den Marderhund bedrängt wird?

Ich glaube, dass die Götter auch invasive Tiere lieben. Ich muss mal Toni Faber fragen, was er dazu weiß.

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FALTER 24/19
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