Grenzüberschreitungen

Zwei Wochen alte Kälber aus Österreich werden quer durch Europa gekarrt, trächtige Kalbinnen tausende Kilometer weit bis über die Grenzen der EU hinaus. Viele erwartet dort eine grausame Schlachtung. Jetzt legen sich Tierärzte quer


GERLINDE PöLSLER

LANDLEBEN | aus FALTER 13/19 vom 26.03.2019

Foto: Neumayr / picturedesk.com

Auf dem Winkelhof liegt ein neugeborenes Kalb im Stroh, erst vier Stunden ist es alt. Seit Generationen betreibt die Familie Schrottner im steirischen Dobl Fleckviehzucht und Milchwirtschaft. An der Stallwand hängt eine lange Reihe von Plaketten, die die Schrottner-Kühe gewonnen haben. Allen voran Bibi. „Lebensleistung: 123.961 Liter“ steht zu lesen. „Die Bibi, das war eine Erscheinung“, sagt Franz Schrottner. „Eine 100.000-Liter-Kuh, das ist schon etwas Gewaltiges.“

Die Schrottners bieten ihren Rindern mehr als ein konventioneller Landwirt müsste. Die Tiere stehen auf Stroh, können im Laufstall herumgehen und ins Freie. Sind die Kälber acht bis zehn Wochen alt, bringt Schrottner sie auf eine Auktion. Am liebsten verkauft er an heimische Bauern. „Müssen wir die rausführen aus unserem Land?“, fragt er. Er blättert in einer dicken Mappe und liest die Namen der letzten Käufer vor. Meist sind es Landwirte aus der Steiermark und Niederösterreich, ab und zu ist eine Handelsfirma dabei. Da, räumt Schrottner ein, weiß er oft nicht, wo die Kälber landen. Einer liefere wohl nach Spanien. Bewusst in den Export verkauft er erwachsene Zuchtrinder, einige landeten schon in der Türkei. Wenn’s geht, sagt der Bauer, vermeide er aber auch das.

Tiertransporte haben einen schlechten Ruf, keiner der Beteiligten redet gern darüber. Doch seit kurzem formiert sich handfester Widerstand. Im Fokus stehen die 50.000 bis 65.000 Kälber, die Österreich pro Jahr verlassen, sowie die zuletzt 19.000 Zuchtrinder, die tausende Kilometer in Länder außerhalb der EU gekarrt werden: in die Türkei, nach Aserbaidschan, nach Marokko. Die deutschen Bundesländer Bayern, Schleswig-Holstein und Hessen haben genau diese Transporte (vorläufig) gestoppt: weil sich laut einem neuen Gutachten Amtstierärzte, die diese Fahrten genehmigen, der Beihilfe zur Tierquälerei schuldig machen könnten. „Diese Debatte wird auch zu uns herüberschwappen und bestätigt unsere Haltung“, sagt Erik Schmid, Amtstierarzt in Vorarlberg. Er und andere Veterinäre weigern sich bereits, solche Transporte abzufertigen – ebenso wie Kälbertransporte nach Italien und Spanien.

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