„Gute Lieder verhandeln Diskrepanzen“

Der virtuose Berliner Chansonnier und Klavier-Kabarettist Sebastian Krämer gastiert im Stadtsaal

PETER BLAU | FALTER:WOCHE | aus FALTER 39/18 vom 25.09.2018

Foto: Christian Biadacz

Die Versuchung ist groß, bei der Beschreibung von Sebastian Krämer in eine Lobeshymne zu verfallen. Lyrisch und musikalisch gleichermaßen firm, gelingen dem 42-jährigen deutschen Chansonnier und Kabarettisten immer wieder funkelnde kleine Lied-Kunstwerke. Präzise, poetisch und pointiert, humoristisch hintergründig und ironisch, voll prägnanter Bilder und überraschender Wendungen – und dabei auch noch eingängig. Am Freitag kommt der vielfach ausgezeichnete Künstler mit seinem aktuellen Programm „Im Glanz der Vergeblichkeit – Vergnügte Elegien“ nach Wien. Vorab hat er dem Falter dazu ein paar Fragen beantwortet.

Falter: Herr Krämer, die Vergeblichkeit glänzt?

Sebastian Krämer: Ja, das tut sie sehr gerne mal. Franz Kafka liefert ein anschauliches Beispiel in seiner Türhüterlegende. Die Geschichte geht ungefähr so: Ein Mann begehrt Einlass ins Gesetz, der wird ihm verwehrt. Aber anstatt sich zufriedenzugeben und nach Hause zu gehen, bleibt er – vergeblich – sein ganzes Leben lang vor dem bewachten Eingang stehen. Als er schon alt und gebrechlich ist, tritt, verursacht von seiner zunehmenden Sehschwäche, durch den Türspalt ein „Glanz“. Hier ist der Zusammenhang zwischen Vergeblichkeit und Glanz sehr deutlich.

Wie interpretieren Sie diesen Zusammenhang?

Krämer: Er liegt im Moment der Resignation, der Frustration, die uns moralisch oder ästhetisch auf eine höhere Stufe heben kann. Nach der Hoffnung kommt der Glanz. So ist es auch mit Sisyphos, den sich Camus beim Hinabsteigen vom Berg, um den Stein wieder aufzusammeln, „als glücklichen Menschen“ vorstellt. Ich könnte noch mehr Beispiele aus der Literatur nennen, auch der Schundliteratur. In Tarantinos „Pulp Fiction“ kommt der Glanz beispielsweise aus einem Koffer.

Um diesen Glanz geht es in Ihrem Programm? Er wirkt nicht unbedingt wie der ideale Nährboden für kabarettistische Chansons.

Krämer: Für kabarettistische Chansons vielleicht nicht, aber das bedauere ich wenig. Das Genre lautet: Vergnügte Elegien. Das hat mit Kabarett gar nichts zu tun. In diesen Liedern geht es zum Beispiel um einen Buchleser, der nicht umblättern kann, weil es sich um eine bronzene Skulptur von Barlach handelt, um eine vergessene Puppe im Garten und um eine Ex-Hexe, der man im Linienbus begegnet. Manchmal muss ich mir als Sänger auch einfach die Vergeblichkeit des Liedersingens ganz allgemein eingestehen, was nicht neu ist. Schon Kreisler sang Anfang der 70er-Jahre: „Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen.“ Auch die Machtlosigkeit gegenüber Tod und Abschied wird besungen, Themen, so alt wie das Liederschreiben selbst.

Jetzt sind es „Vergnügte Elegien“, vor ein paar Programmen waren es noch „Schlaflieder zum Wachbleiben“. Ist das Spannungsfeld von Widersprüchlichkeiten und Absurditäten Ihre künstlerische Wohlfühlzone?

Krämer: Zunächst einmal erweitert ein solcher Widerspruch die Zone, anstatt sie einzugrenzen. Denn etwas scheinbar Unmögliches kann alles Mögliche meinen. Und dann müssen wir uns auch klarmachen, dass Bezeichnungen dieser Art keinen Auftrag darstellen, sondern erst gefunden werden, wenn das Produkt – zumindest größtenteils – schon da ist. Ohne Widerspruch hätte ich gar nicht das Gefühl, dass es sich allen Ernstes um eine Beschreibung meiner Tätigkeit handeln könnte. Oder zumindest keine wohlwollende. Jedes gute Lied verhandelt Diskrepanzen zwischen Vorder- und Hintergrund, Erwartbarem und Erklingendem.

Sind Lieder für Sie auch ein probates Mittel, um den Verwerfungen und Zumutungen des Lebenswegs zu begegnen?

Krämer: Ja, gewiss, ein ebenso probates wie, Sie ahnen es schon: vergebliches.

Bedauerlich. Vermutlich auch, weil in der Realität oft das gilt, was Sie einst für Ihre Lieder postuliert haben: Die Anfänge verraten noch nichts darüber, wie sie enden werden.

Krämer: In der Realität gibt es aber überhaupt nur sehr selten Anfänge und Enden. Das meiste zieht sich so dahin.

Das älteste Stück auf „25 Lieder aus 25 Jahren“, Ihrer aktuellen Werkschau, stammt aus dem Jahr 1991. Sie waren da kaum 15. Haben Ihre Eltern Sie gedrängt, oder waren Sie ein freiwilliger Frühzünder?

Krämer: Bei Essig und Haferschleim musste ich im Kartoffelkeller täglich fünf Lieder schreiben. Für jeden unreinen Reim setzte es eine Stunde Marius Müller-Westernhagen als abschreckendes Beispiel, was aus einem werden kann, wenn man sich nicht bemüht. Zum Glück kannten meine Eltern noch keinen Deutschrap, sonst wäre mein ästhetisches Empfinden wohl nachhaltig zerrüttet worden.

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FALTER 16/19
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