Gute Natur?

„Die Ansichten, die ihr euch über Darwinismus, Evolution und den Kampf ums Dasein zu eigen gemacht habt, werden euch den Sinn des Lebens nicht erklären, und sie werden keine Leitlinie für euer Handeln sein; ein Leben ohne Erklärung seines Sinns und seiner Bedeutung und ohne die verlässliche Führung, die sich daraus ergibt, ist eine erbärmliche Existenz.“


PETER IWANIEWICZ
FALTERS ZOO | aus FALTER 06/09 vom 04.02.2009

Dies schrieb nicht etwa Kardinal Schönborn in seiner Ablehnung der Darwin’schen Evolutionstheorie, sondern der im Sterben liegend Leo Tolstoi im November 1910 an seine beiden Kinder. Auch jetzt im 150-Jahre-Charles-Darwin-Jubeljahr bereitet manchen die scheinbare Aggressivität der Theorie Probleme. „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ war der ursprüngliche volle Buchtitel, der den Kampf zwischen allen Lebewesen zum Prinzip erhob. Darwin selbst bemühte sich zwar, diesen Begriff sehr weit zu fassen und eher als Metapher für die ökologischen Konkurrenzverhältnisse zu verwenden, doch diese Idee passte weder zu der noch jungen Reformbewegung des Sozialismus noch zur grundsätzlichen Ethik des Christentums. Während in den artenreichen Tropen, wo die Evolutionstheorie ihre Beispiele fand, tatsächlich mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Individuen um vorhandene Ressourcen stattfand, schien es den russischen Intellektuellen in den kargen Weiten zwischen Sankt Petersburg und Sibirien vor allem um das Bestehen der Lebewesen in einer feindlichen, vom Permafrost bedrohten Umwelt zu gehen. Der Adelige und Anarchist Petr Kropotkin trat den Darwinisten in seinem Buch „Mutual Aid“ („Gegenseitige Hilfe“) mit einer ganz anderen Sichtweise entgegen: Demnach würde der Kampf gegen die bedrohliche Umwelt nicht zu Verdrängung, sondern zu wechselseitiger Unterstützung und somit zu Evolutionserfolg führen. Damit sollte dem kapitalistischen Konkurrenzdenken eine alternative, sozialistische Sichtweise der Gesellschaft geboten werden. Kropotkin war überzeugt, dass kooperative Arten auch am höchsten evoluiert wären, und führte als Beispiel den Ameisenstaat bei den Insekten an. Der Evolutionsbiologe Stephan Jay Gould schrieb dazu: „Zu moralischen Erkenntnissen gelangt man nicht durch (wissenschaftliche) Abkürzungen.“

Auch wenn das Darwin-Jahr manche bereits nervt, es gibt noch viel zu denken.

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