„Ich bin kein Selbstmordkandidat“

Martin Kušej wird Direktor des Wiener Burgtheaters. Politisch verlangt man viel von ihm, dabei geht es dem Regisseur um die Kunst. Annäherung an einen Kompromisslosen


STEFANIE PANZENBöCK

FEUILLETON, FALTER 20/19 vom 14.05.2019

Foto: Christopher Mavrič

Auf der Bühne bleibt es dunkel. Tiefe, dröhnende Töne erfüllen den Theaterraum, die Lichter zweier Drohnen blitzen auf, vermummte Menschen stoßen andere Menschen ins Wasser. Friedrich Schillers „Don Karlos“ wird gespielt, im Münchner Residenztheater, Regie führt Martin Kušej. Es ist ein großes Bühnenwerk, es geht um verbotene Liebe, um Macht, Demütigung und Intrige, Unterdrückung, Aufbegehren und Freiheit.

Diese Gewalt stürzt Kušej in eine unheimliche Düsternis. Oft bleiben die Schauspieler im Schwarz der Bühne unsichtbar, ihre Kostüme sind dunkel, nur ein riesiger Kronleuchter fährt bisweilen von oben herab und erhellt den Raum mit gleißend hellem Licht. Vier Stunden, eine Pause. Die Spannung hält, die Kraft lässt nicht nach.

Klassiker auf ungewöhnliche und heftige Weise auf die Bühne zu bringen, dafür ist Martin Kušej, 58, seit Jahrzehnten bekannt. Schon im Jahr 1993 erschütterte er mit Schillers „Kabale und Liebe“ das Klagenfurter Stadttheater.

Kušej, in Wolfsberg in Kärnten 1961 geboren, im Bezirk Völkermarkt (Globasnitz/Globasnica und Ruden) aufgewachsen, besuchte das Gymnasium in Völkermarkt, spielte Handball in der österreichischen Bundesliga, studierte Germanistik, Sportwissenschaft und Regie. Seine erste Inszenierung, „Es“ von Karl Schönherr, brachte er am Grazer Schauspielhaus 1987 auf die Bühne, wurde 1993 Regisseur am Schauspiel Stuttgart, inszenierte 1996 seine erste Oper und ab 1999 am Wiener Burgtheater einige Stücke unter Direktor Nikolaus Bachler. Kušej war 2005/06 Schauspielchef bei den Salzburger Festspielen. Im Jahr 2011 übernahm er seine erste Intendanz, das Bayerische Staatsschauspiel, bekannt als Residenztheater. Er geht, bevor der Vertrag 2021 ausläuft. Im Herbst 2019 beginnt seine erste Spielzeit als Direktor des Wiener Burgtheaters.

Zum Ende seiner Münchner Zeit hat Kušej eine Textsammlung herausgegeben, geschrieben von Theatermenschen, aber auch Philosophen und Journalisten. Das Buch ist schwer, hat einen schwarzen Einband, selbst die Kanten der Blätter sind schwarz. Mit glänzenden, roten Buchstaben steht darauf geschrieben: „Die Erde ist gewaltig schön. Doch sicher ist sie nicht.“ Die Zeile stammt aus dem Gedicht „Wie Ulfru fischt“ von Johann Mayrhofer, Franz Schubert hat es vertont. Kušejs eigener Text ist sehr kurz, auf zwei roten Seiten, sehr assoziativ. Der Titel: „Theater“. Kušej schreibt: „Rückblicke hatten es ihm noch nie angetan. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nie umgedreht, um irgendwo hin zu sehen. Ja, ein, zwei Mal hatte er tatsächlich versucht, die Narbe zu sehen, die man ihm in den Rücken geschnitten hatte (…).“ Kušej bleibt vage, was ihn verletzte, doch bei allem Schmerz, Blut und Gewalt kommt gleich drei Mal das Wort „geborgen“ vor. Was Geborgenheit hier bedeute? Es gehe um eine Erfahrung, die nur dem Künstler gehöre, weitab vom Publikum und dessen Reaktionen, antwortet Kušej. Das Gespräch findet bei einem Wien-Besuch in den Räumen der Bundestheater-Holding statt. „Ich habe 30 Jahre Arbeit am Theater gebraucht, um diese Geborgenheit zu finden“, sagt der Regisseur. „Wenn ein Stück aufgeführt wird, schaue ich mir das Resultat an. Das ist wie ein Traum, in den ich hineinsteige. Und da gibt es ganz spezielle Momente, die haben fast etwas Heiliges. Ich habe das Gefühl, in dem, was mein Team und ich kreiert haben, zu Hause zu sein. Es gibt eine Gegend im Theater, die ist meine Heimat. Und das ist meine Geborgenheit, die nicht in der Wirklichkeit verortet ist.“

Die Narbe ist übrigens auch eine körperliche. Für die Rubrik „Sagen Sie jetzt nichts“ des SZ-Magazins sollte der Theatermacher Fragen pantomimisch beantworten. Eine lautete: „Was haben Sie vom Handball fürs Leben mitgenommen?“ Auf dem Foto sieht man eine lange, schmale Narbe in der Mitte des Rückens.

Zum Handball kam Kušej als 15-Jähriger. Sein Verein war der Askö-SVVW, Sportverein Volksheim Waidmannsdorf in Klagenfurt, der damals in der A-Liga spielte. Mit 15 erst anzufangen sei relativ spät, sagt der SVVW-Gründer und damalige Obmann Günter Pfeistlinger. „Aber Martin hat sich sehr rasch entwickelt. Außerdem hat er sehr viel auf sich genommen. Wenn wir am Wochenende von den Auswärtsspielen zurückgekommen sind, hat er danach die Eltern besucht, ist am Montag wieder nach Völkermarkt in die Schule gefahren und abends gleich wieder zum Training nach Klagenfurt.“

Kušejs Spielposition war keine gemütliche, er war Kreisläufer. Man muss robust sein, um durchzuhalten. Vom Kreisläufer wird verlangt, gleichzeitig torgefährlich zu sein und für andere Platz frei zu räumen, die dann wiederum aus der zweiten Reihe die Tore schießen. „Martin war zwar Einzelgänger, gleichzeitig Teamplayer und hat sich mit allen sehr gut verstanden. Was er sich vorgenommen hatte, hat er konsequent durchgezogen“, sagt Pfeistlinger.

Mit 20 war Kušej auf dem Sprung in den Nationalteamkader. Doch er entschied sich für das Studium in Graz. Handball wurde immer mehr zum Hobby, aber der Kontakt zum Verein und zu Pfeistlinger ist geblieben. Man trifft sich auf Geburtstagsfeiern oder im Kaffeehaus. „Wir plaudern über Handball, Kärnten, die Politik. Das Theater ist dann weniger ein Thema.“

Dass Kušej schließlich beim Theater landete, hatte viele Gründe. Einer der prägendsten war der Selbstmord eines Schulkollegen und Freundes. Da war er 16 oder 17, erzählt Kušej. „So ein Selbstmord bedingt ja verschiedene Fragen und Erkenntnisse: Was ist Gesellschaft? Was ist das für eine Gruppe, die derjenige verlassen hat? Inwiefern bin ich Teil der Gruppe? Welche Rolle hat das Individuum? Der Selbstmord hat mich als Thema immer begleitet.“

Als Kušej in Graz Anfang der 1980er-Jahre Germanistik studierte, besuchte er ein Proseminar über Jean Amérys Buch „Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod“. In einer Seminarstunde legte Kušej eine geladene Pistole, eine Rasierklinge und ein Seil auf den Tisch und sagte: „Bevor wir hier überhaupt über Selbstmord literarisch reden, müssen wir ausprobieren, ob es überhaupt möglich ist, ihn auszuführen.“

Er forderte die Kollegen auf, sich die geladene Pistole an den Kopf zu halten. Der Professor brach den Unterricht ab und wollte die Polizei rufen. „Ich habe damals schon gemerkt, dass ich einen Hang zur Inszenierung habe.“ Was löst es bei Kušej selbst aus, sich eine geladene Pistole an den Kopf zu halten? „Die Hand fängt an zu zittern.“ Die Hürden, die man überwinden muss, sind riesig. Bis man auf die Idee kommt abzudrücken, rebelliert der Körper.

Kušej geht es um einen Zustand, in dem man alle Türen schon probiert hat, nur die letzte noch nicht. Es handelt sich um einen Moment der Irrationalität, der auch nicht mehr beschreibbar ist, und darum, etwas herzustellen, das sich außerhalb der Kontrolle befindet. „Das interessiert mich am Theater.“

Beeinflusst hat den Regisseur auch seine Herkunft, in zweierlei Hinsicht. Er wuchs in einem Dorf in Kärnten auf. Seine Mutter war Religionslehrerin, sein Vater Volksschuldirektor. Damit hatten sie als erste Generation einen Beruf abseits der Landwirtschaft erlernt. Kušej war der Zweite in dieser Reihe. Dann war da die Erkenntnis, einen seltsamen Namen mit einem Haken drauf zu haben und einer Minderheit, den Kärntner Slowenen, anzugehören. Diese Erfahrung beeinflusst bis heute Kušejs Herangehensweise an das Element Sprache im Theater. Er selbst wuchs weder zweisprachig auf, noch spricht er den Dialekt der Kärntner Slowenen. Er lernte Slowenisch in Ljubljana an der Universität und arbeitete am Slowenischen Nationaltheater als Regieassistent. Außerdem spricht Kušej Englisch, Französisch und Italienisch, etwas Spanisch und Kroatisch.

Am Burgtheater will er auch Theater „jenseits des Deutschen“ machen. Dabei geht es nicht um eine babylonische Sprachverwirrung oder ein multikulturelles Konzept. Die besten Schauspieler anderer Sprachen sollen am Burgtheater gastieren und durch überragende darstellerische Fähigkeiten die Verständigung auf andere Ebenen heben. Die fremde Sprache soll kein Hindernis in der Verständigung sein. Kušejs Aufforderung an die Zuschauer lautet: „Wir sind Teil einer multikulturellen Stadt. Lasst euch darauf ein.“

Das Burgtheater ist für Kušej kein Neuland. Er inszenierte hier Stücke auf aufsehenerregende Weise, zeigte Klassiker so, wie sie noch nie vorher gedeutet worden waren. Etwa Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“, als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, oder Karl Schönherrs „Der Weibsteufel“ (2009). Die amtierende Direktorin Karin Bergmann übergibt an Kušej mit „großer Zuversicht und Freude, dass wieder ein regieführender Direktor an das Haus kommt“, wie sie sagt. Sie selbst übernahm 2014 die Leitung, nachdem das Theater von einem Finanzskandal erschüttert worden war. Ihr ist es zu verdanken, dass nun alles wieder in geordneten Bahnen läuft und die Kunst für die Öffentlichkeit im Mittelpunkt steht.

Unter Bergmanns Intendanz inszenierte Kušej 2016 Arthur Millers „Hexenjagd“. „Er ist kein Regisseur mit einer psychologischen Herangehensweise“, sagt die Direktorin, „sondern ein großer Themensucher. Er schält diese Themen so heraus, dass man ganz Neues erfährt.“ Im Stück „Hexenjagd“, das unter dem Eindruck der Kommunistenverfolgung in der McCarthy-Ära entstand, „ist es Kušej gelungen, die Bigotterie und die Doppelzüngigkeit von Politikern und Religionsvertretern aufzuzeigen, die sich hinter Begriffen verstecken, aber ganz andere Interessen im Sinn haben“, findet Bergmann. 

Auf sich aufmerksam machte Kušej ab Ende der 1980er-Jahre. Einer seiner Weggefährten war Stefan Pfeistlinger, Sohn des Handballvereinsobmanns Günter Pfeistlinger. Sie kamen bei einem Match ins Gespräch und erfuhren bald voneinander, dass sie beide am Theater gelandet waren. Kušej hatte mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber die Gruppe my friend martin gegründet. 1990 kam er mit der Inszenierung von Heiner Müllers „Philoktet“ an das Wiener Theater m.b.H., das Pfeistlinger mit aufgebaut hatte. „Martin Kušej hat immer groß gedacht“, sagt Pfeistlinger, 57, der als freier Bühnenbildner und Lichtdesigner arbeitet. „Er hat nicht gesagt, wir sind hier in einem kleinen Theater und machen etwas Kleines. Er hatte schon immer das, was man Weltblick nennt.“ Kušej wusste, was er wollte, war immer gut vorbereitet. „Er hat sich und alle anderen stark gefordert, war klar und konzentriert, immer am Punkt. Deshalb hat er sich durchgesetzt“, ist Pfeistlinger überzeugt. Eventuell auch, weil er sich nicht aus der Fassung bringen ließ, wenn, wie beim Mittelfest im italienischen Cividale 1993, das gesamte Bühnenbild vom Hochwasser zerstört wurde.

Eine ihrer gemeinsamen Produktionen, Schillers „Kabale und Liebe“ im Stadttheater Klagenfurt, geriet zu einer sogenannten Door-Slamming-Production. „Das Publikum flüchtete aus dem Stadttheater“ titelte die Kärntner Tageszeitung am 13. März 1993. Zwei Seiten widmete sie der Aufführung, mit Zuschauerreaktionen und einer vernichtenden Kritik, die einen „Endlos-Egotrip eines Jungregisseurs, der seine Schauspieler zu bedauernswerten Marionetten degradierte“, attestierte. Darauf folgte eine Seite Gegenkritik im Kärntner Monat, die Kušej eine glänzende Zukunft voraussagte. Kušej wurde nach „Kabale und Liebe“ Hausregisseur am Schauspiel Stuttgart.

Auch Sebastian Huber, 55, arbeitete Anfang der 90er-Jahre mit Martin Kušej und Zehetgruber. Während Kušejs Zeit am Residenztheater war er Chefdramaturg und stellvertretender Intendant; er kommt nun als Dramaturg mit ans Burgtheater. „Damals war es gängig, sich Figuren kritisch anzueignen, Texte mit politischem Bewusstsein zu lesen, gegen den Strich zu bürsten. So hat sich das im Regietheater seit den 70er-Jahren entwickelt“, erklärt Huber. „Aber bei Kušej und auch bei Frank Castorf, mit denen ich als junger Dramaturg arbeiten durfte, machte ich plötzlich ganz andere Erfahrungen.“ Kušej fragte nicht nach der psychologischen Entwicklung der Figuren. Für ihn ging es um Beziehungen zwischen Menschen, die er als Gewaltverhältnisse wahrnahm. „Dafür hat er starke Bilder gesucht. So habe ich ihn kennengelernt.“

Heute, fast 20 Jahre später, hat sich vieles verändert, meint Huber. Etwa das Vertrauen in das Publikum. Dass eine Inszenierung auf einer ganz dunklen Bühne und mit einem einzigen Beleuchtungskörper – wie aktuell bei „Don Karlos“ – ebenso viel Kraft erzeugt wie mehrere starke, brutale Bühnenbilder nacheinander. Auch die Arbeit mit den Schauspielern sei extrem gewachsen. „Die Schwierigkeiten in den ersten Arbeiten war, dass sie sich in etwas hineingestellt fühlten, das schon da war, ohne Entwicklungsmöglichkeit. Das ist heute anders.“

Kušejs Grundhaltung aber sei dieselbe geblieben. „In seinem Theater geht es um Freiheit“, sagt Huber. „Menschen finden sich in Verhältnissen wieder, die sie nur zu einem bestimmten Teil beeinflussen können. Deshalb muss die Frage nach der Freiheit immer wieder neu gestellt werden.“

Auch viele Schauspielerinnen und Schauspieler wechseln mit Kušej nach Wien. Dafür wurden die Verträge einiger Burgtheater-Ensemblemitglieder nicht verlängert. Ein normaler Vorgang, den ein Direktorenwechsel immer mit sich bringt und der künstlerisch notwendig ist, soll der neue Leiter eine Handschrift hinterlassen.

Eine, die mitkommt, ist Bibiana Beglau, 47, seit vielen Jahren eine der zentralen Schauspielerinnen in Kušejs Inszenierungen. Ein guter Regisseur, sagt sie, sei einer, der sich zur Disposition stelle, mit kräftigen Farben male, dabei bereit sei auch Fehler zu machen, und in seiner Kunst angreifbar bleibe. „Einer, der nicht nur mit dem Tretroller in einer Straßenbahnschiene entgleist, sondern mit großem Karacho gegen einen Laternenpfahl donnert.“ Damit meint sie Kušej, Castorf, früher Christoph Schlingensief und Einar Schleef. Sie alle haben im Theater Maßstäbe gesetzt. „Menschen, mit denen ich gerne lebe und arbeite, haben laute Worte und sind innen fein. Durch diese Antipoden laufen sie zu Hochformen auf, weil sie das Feine beschützen müssen, weil es ihnen wertvoll und angreifbar ist“, sagt Beglau. Deshalb sei sie nun in Wien, wegen Martin Kušej, nicht wegen des Burgtheaters. „Ich gehe mit Menschen mit, nicht mit Häusern.“

Geht man mit dem Burgtheater einen Arbeitsvertrag ein, wird ein Dokument beigelegt, in dem man sich verpflichtet, respektvoll mit allen Menschen umzugehen. Es ist eine Reaktion auf die durch die #MeToo-Bewegung verstärkte Diskussion über Machtstrukturen am Theater. In diesem Zusammenhang schrieb die Süddeutsche Zeitung, dass Kušej am Theater als „Herumbrüller und Machtmensch“ gelte. Kušej sagt zu diesen Vorwürfen: „Ich kann nicht herumbrüllen, weil ich ein Theater so nicht leiten kann. Und auch dass ich ein Machtmensch bin, entspricht nicht der Wirklichkeit. Ich leite ein Theater in einem Team, wir fällen die Entscheidungen gemeinsam.“

Wenn Kušej als Burgtheaterdirektor antritt, erwartet man von ihm auch politische Präsenz. Es ist allgemein bekannt, dass seine Sympathien nicht der aktuellen österreichischen Regierung gehören. Dass Theater politische Entscheidungen und Realitäten verändern kann, glaubt er nur bedingt. „Es ist ein sehr idealistischer Ansatz, aber die Nachhaltigkeit dessen eher gering. Ich kann etwas anstoßen, ich kann im emotionalen Erleben der Zuschauer etwas verändern, eine Diskussion provozieren, aber ich kann keine Oppositionsarbeit für die österreichische Innenpolitik übernehmen. Ich bin für die Kunst zuständig, und dort sind meine Qualität und meine Sensibilität.“ Dass Menschen aus der Kultur ihre Stimme erheben, wie es etwa der Schriftsteller Michael Köhlmeier gegen die FPÖ getan hat, sollte, sagt Kušej, viel öfter der Fall sein. Er werde auch in Zukunft nicht darauf verzichten, „vorbildhaft meine Meinung und meine Haltung kundzutun“.

Dabei bleibt aber auch Angst zurück. Wenn man den Finger in die Wunde legt und von den Kritisierten, wenn sie es dann können, bestraft wird. Angst, „dass wir in einer Gesellschaft leben könnten, in der die demokratischen und auch juristischen Spielregeln nicht mehr eingehalten werden, von wem auch immer; dass ich in ein System gerate, in dem ich keine Chance mehr habe, Gerechtigkeit zu erleben.“ Dazu fällt Kušej auch der Fall von Gustl Mollath in Bayern ein. Wegen Justizfehlern saß der Mann jahrelang im psychiatrischen Maßregelvollzug. „Ob ich mich da nicht umgebracht hätte?“

Da ist er wieder. Der Gedanke an den Tod. Kušej beobachtet ihn, lässt sich nicht in den Abgrund reißen. „Ich bin kein Selbstmordkandidat. Das mache ich nicht“, sagt er. Aber Theater und Tod, das gehört zusammen. „Man kann sagen, dass das Theater eine Möglichkeit des Nachdenkens über den Tod ist. Über den unbeschreiblichen, unbekannten Bereich. Da verbindet sich das Theater mit alten Riten, alten archaischen Zuständen, mit dem Menschen und seiner Beschäftigung mit dem Leben nach dem Tod, mit dem Jenseits.“ Deshalb macht Kušej Theater. F


AK-Gespräch mit Martin Kušej
Beim Wiener Stadtgespräch initiiert von Falter und Arbeiterkammer – wird Martin Kušej am 23. Mai ab 19 Uhr gemeinsam mit Peter Huemer über die Zukunft der österreichischen Kulturinstitutionen diskutieren

AK-Bildungszentrum, 4., Theresianumg. 16–18, Eintritt frei, Anmeldung unter www.wienerstadtgespraech.at

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