Ich, Ich, Ich

Eine Analyse des Neuwahl-Statements von Sebastian Kurz

NATASCHA STROBL
19.05.2019

Foto: ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com

Welche Bilder will Kurz bei uns mit seiner Rede in den Kopf setzen? Denn an dieser fein gestrickten Rede dürfte länger gearbeitet worden sein.
Am Anfang referiert er über die „24-Stunden-Dramatik“, obwohl er mindestens seit 48 Stunden Bescheid weiß. Aber WIR wissen seit 24 Stunden Bescheid und er will sich in uns einfühlen – wir sind alle auf derselben Ebene. Er ist einer von uns und auch geschockt. Wie wir.
Nur um dann den Timeframe zu verlassen und eine Nostalgiewanderung hin zu besseren Zeiten zu machen. Vor zwei Jahren, als alles gut war, ist ER (nicht wir, nicht die ÖVP) angetreten, um ein Land aus dem Moloch der großen Koalition zu holen. Spannend ist hier die fast schon religiöse Erzählung. Es war Rückschritt und Stillstand, dann kam ER und es wurde gut und jetzt ist dieses Gute wieder dramatisch gefährdet. Immer wenn er nicht Akteur ist (damals und jetzt), ist er einer von uns. Wenn er Akteur ist, ist ER gottgleich und individuell. Das ist nichts Neues, das macht Kurz von Anfang an. Aber es ist spannend, das einmal herauszustreichen. Es ist ein Nebeneinander von einschmeichelnder Bescheidenheit und narzisstischer Selbsterhöhung. Er ist einer von uns und dann im nächsten Moment „the prince that was promised“. Als Nächstes erklärt er dann sein Versprechen uns gegenüber – er ist weiter unser Held. Er ist direkt für uns da. Er bricht seine Versprechen nicht. Er ist der, dem wir vertrauen. Alle, die älter als 30 sind, haben noch im Ohr, auf wessen Klaviatur das spielt. Das ist aus dem Haider-Einmaleins.

Kurz, der Heilsbringer

Wir bekommen schon Unmengen an Emotion ab, noch bevor Kurz auf das Video und seinen Inhalt eingeht. Aber darum geht es nicht prioritär. Es geht darum, dass wir Sympathien für Kurz empfinden. Kurz’ Thema in Zeiten der Staatskrise ist Kurz. Jetzt, wo wieder alles schlecht und schwer ist (sowie damals vor Kurz), so wird er uns wieder retten, wie damals. Er bleibt uns treu, standhaft und wird kämpfen. Weil es seine Bestimmung ist, das Gute und Richtige zu tun. In diesen dunklen Zeiten ist er das Licht. Das ist Pathos pur. Dann erinnert er uns wieder an den Timeframe zwei Jahre – damit wir uns erinnern, das war die gute Zeit. Er belegt das nicht nur mit guter Sacharbeit, sondern auch positiven Emotionen – Freude. Und er bedankt sich bei allen Beteiligten. Es war kein Fehler, diese Zeit wird nicht beschmutzt. Sie bleibt gut. Der Subtext ist klar: Da können wir wieder hin. Raus aus dem Schlechten, hin zum Guten. Und er ist noch immer nicht beim Video. Aber wir wissen schon, dass wir die guten Zeiten wollen, die er uns gebracht hat und die jetzt so jäh geendet sind.

Kurz, der Märtyrer

Wir reden jetzt schon so lange über so vieles, aber dieses Video spielt in Kurz’ Statement einfach noch keine Rolle. Denn jetzt kommt ans Licht, was das Opfer für diese gute Zeit war, die wir dank Kurz zwei Jahre haben durften. ER hat sich geopfert. ER hat im Stillen und ohne Klage erduldet. Für uns. Hier haben wir wirklich schon einen Jesus-Komplex. Damit es allen gut geht, muss einer leiden. Und woran musste er leiden? Rechtsextremismus, Einzelfälle etc. Also das wahre Opfer der menschenverachtenden Ideologie der FPÖ sind nicht die betroffenen Menschen, sondern Sebastian Kurz. Wir haben also Heilsbringer, Märtyrer, einer von uns und umsorgender Anführer, bevor wir auch nur ein Wort zum Video verloren haben. Es geht einfach immer noch um das Heldenbild Sebastian Kurz. Es geht nicht um die Opfer der FPÖ-Politik.

Kurz, das Opfer

Nun kommen wir endlich zum Video. Und was ist das Erste, was ihm dazu einfällt? Silberstein. Das Erste, was Kurz zu diesem Video einfällt, ist es, die Sozialdemokratie anzupatzen. Das muss einem erstmal einfallen. Die FPÖ führt sich auf, aber schuld ist die SPÖ. Dieses Silberstein-Narrativ und seinen antisemitischen Gehalt habe ich vor einigen Tagen schon mal besprochen. Es passt gut zu dem aufbereiteten Feld. Er ist das Opfer. Silberstein. Die FPÖ. Alle sind gegen Kurz.
Und genauso geht es weiter. Ein gekonnter rhetorischer Kniff ist, dass er als erste Schrecklichkeit des Ibiza-Videos die Angriffe gegen ihn berichtet. Etwas, was überhaupt nicht im Fokus war und uns bis jetzt überhaupt nicht aufgeregt hat. Es ist unwichtig. Dadurch, dass er es als Erstes erwähnt, macht er es zum Hauptaspekt. Nur um es dann wieder zu negieren. Rabiate Selbsterhöhung und einschmeichelnde Bescheidenheit. Er opfert sich wieder und stellt es offensiv zur Schau. Schaut, wie arm er ist und was er erduldet. Jetzt kommen wir an gefühlt 57. Stelle zu den eigentlich problematischen Dingen des Videos. Aber die Priorisierung zeigt uns, dass es nur noch ein Nebengedanke ist. Und auch nur, um wieder sein Narrativ des „für uns“ zu bedienen. Sein politischer Zugang ist, uns zu dienen. Und gleich macht er wieder das Gegensatzpaar zu den anderen auf, dieses Mal zur FPÖ, die das leider nicht so sieht, wie ihm heute plötzlich in Gesprächen klar geworden ist. Was für ein Schock! Deswegen muss es jetzt Rücktritte geben. Das war so zuvor nicht absehbar.

Kurz, der starke Entscheider

Als Nächstes stellt er drei Handlungsmöglichkeiten vor. Das zeigt Stärke und dass er keineswegs in die Enge getrieben ist. Er hat die Wahl. Er entscheidet. Egal, wie unwahrscheinlich (fliegender Wechsel zur SPÖ) oder nicht in seiner Hand (FPÖ tauscht Kickl) diese Optionen sind. Er entscheidet. Es war also seine Entscheidung und nicht die Not der Umstände, dass es Neuwahlen gibt. Denn nur so kann ER uns wieder die gute Zeit bringen. Mit uns und als einer von uns. Die anderen sind nicht willens oder sie sind schwach. Die stehen ihm und uns gegenüber. Klassische Haider-Rhetorik. Ganz am Ende erwähnt Kurz dann zum ersten Mal die Volkspartei. Das ist eine klassische Wahlkampfrede, weil ja auch „ÖVP“ am Wahlzettel steht und die müssen wir finden und richtig ankreuzen. Aber es ist nur eine formale Erinnerung, denn es geht nur um ihn. Dementsprechend soll es einen Auftrag für EINE PERSON geben und nicht eine Partei, ein Programm, eine Idee. Wichtig ist auch noch einmal die quasireligiöse Sprache am Schluss. Es braucht klare Verhältnisse. Es braucht Ordnung. Es braucht Eindeutigkeit. Weg aus dem Chaos und der Dramatik. Hin zum Guten und Schönen, für das ER steht.
Als Fazit lässt sich festhalten, dass es zu 99 % nur um Kurz, seine Rolle und sein Empfinden für uns und unser Empfinden für ihn geht. Es geht nicht auf einer Sachebene um die schweren Verfehlungen der FPÖ oder den Schaden für die Republik. Es geht nur um Kurz. Es ist faszinierend, wie viel man über sich selbst reden kann.


Anmerkung: Dieser Text ist zuerst auf Twitter erschienen. Er wurde im Sinne der Lesbarkeit leicht geändert.

Natascha Strobl lebt als Politikwissenschafterin in Wien. Sie forscht über rechtsextreme Bewegungen und rechte Diskurse.

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