„Ich will ihnen keinen Witz erzählen“

Der Kabarettist Lukas Resetarits präsentiert mit „Wurscht“ sein 27. Soloprogramm


STEFANIE PANZENBöCK

FALTER:WOCHE | aus FALTER 11/19 vom 12.03.2019

Foto: Heribert Corn

Der Titel ist irreführend. Lukas Resetarits’ neues Soloprogramm heißt zwar „Wurscht“, aber wer meint, der Kabarettist sei im Alter gelassen geworden, täuscht sich. Der Künstler dekonstruiert zornig die Praktiken der türkis-blauen Koalition und ruft dazu auf, der Wurschtigkeit nicht anheimzufallen.

Das letzte Interview im Falter mit Resetarits erschien im Oktober 2017, kurz vor seinem 70. Geburtstag und der Nationalratswahl. Am Ende formulierte der Kabarettist: „Mein wirklich großer Wunsch ist eine arbeitswillige große Koalition unter sozialdemokratischer Führung. Aber das ist so, als würde ich mir wünschen, dass Schweinderln fliegen können.“

Falter: Herr Resetarits, Ihr Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Was war Ihre erste Reaktion auf das Wahlergebnis?

Lukas Resetarits: Sprachlosigkeit. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es so extrem ausgeht. Das war unbedacht von mir. Denn die, damals noch, ÖVP – ich weiß nicht, wie die Partei jetzt heißt – und die FPÖ haben uns mit Werbung zugeschüttet und die Wahlkampfkosten massiv überschritten. Man vergisst so schnell.

Sogar Gegner der Regierung finden bisweilen, dass etwa Bundeskanzler Kurz politisch sehr schlau agiert.

Resetarits: Ich würde eher das Wort perfid verwenden. Und als großer Verehrer von Karl Kraus führe ich gern wieder Begriffe ein, die schon in Vergessenheit geraten sind. Den Begriff des Sykophanten zum Beispiel, des Speichelleckers. Deren gibt es heute sehr viele. Die haben keine schleimtriefenden Mäuler, sondern tragen knappe Anzüge, grinsen und reden einen unbändigen, zynischen Blödsinn. Unterstützt werden sie vom Boulevard, wie diesem U-Bahn-Blattl, das ausschaut wie ein Paniniheftl vom Basti Kurz. Man kann das lächerlich machen, aber nicht übertreffen.

Welche Aufgabe hat die Satire also?

Resetarits: Fundierte Recherche ist in meinen Programmen essenziell. Aber bei mir hat auch immer der Schmäh eine wichtige Rolle gespielt. Er geht mir zwar nicht aus, aber es wird immer schwieriger, ihn anzuwenden. Will ich doch meinem Grundsatz, „Unterhaltung mit Haltung“ zu machen, treu bleiben. Die Leute kommen schon auch, weil sie lachen wollen. Nur ich will ihnen keinen Witz erzählen.

Was wollen Sie erzählen?

Resetarits: Zum Beispiel eine wahre Begebenheit: Nach einem Auftritt hat mir ein Mann ein zorniges E-Mail geschrieben, zeitgemäß, mit unglaublichen Rechtschreibfehlern, ich kann nix dafür, ich seh’s am Schriftbild, da hab ich schon einen Rotstift in der Hand. Der erste Teil hat ihm ganz gut gefallen, da hat er soundso oft gelacht. Er hat den Eintrittspreis halbiert, und da hat er alle vier Euro einen starken Lacher gehabt und alle 50 Cent einen Mittellacher. Aber im zweiten Teil war’s ganz aus, da war nur noch ein Lacher. Der hätte dann 17 Euro gekostet.

Was leiten Sie daraus ab?

Resetarits: Der Typ kommt zu mir in die Vorstellung und sagt: Hallo, erzählen S’ mir einen Witz, sonst verkauf ich meine Karten. Das Leben ist Betriebswirtschaft, Politik ist Betriebswirtschaft geworden. Eine österreichische Ministerin hat ja auch gesagt: „Die Gymnasien produzieren am Markt vorbei.“ Da müssten ja Leute aufschreien.

In Ihrem neuen Programm kreiden Sie an, dass vielen Menschen immer mehr Dinge egal sind.

Resetarits: Aber ich verstehe es zum Teil auch. Wenn ich schon als Satiriker ob der vielen Informationen verzweifle, wie soll ein Mensch, der arbeiten geht, in der U-Bahn sich das Blattl nimmt und am Abend irgendwas im Fernsehen anschaut – wie soll der da durchblicken? Der denkt sich, okay, dann nehme ich das, was sie mir geben. Wie bei der Karfreitagsdebatte. „Du kriegst jetzt einen Urlaubstag statt des Feiertags“, sagen sie ihm. Aber den hat er ja schon gehabt! Und die Leute haben keine Chance mehr, innezuhalten und zu fragen: „Was sagt der da eigentlich?“

Die SPÖ, der Sie sehr positiv gesinnt sind, spielt momentan als Oppositionspartei eine traurige Rolle.

Resetarits: Es ist entsetzlich. Es tut mir wirklich weh, wie sich die Sozialdemokraten in Europa selbst demontieren. Wie lange die Labour-Partei braucht, um sich für ein zweites Referendum über den Brexit auszusprechen, da geht mir das Messer im Sack auf. Und die neue SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wager traut sich in Österreich auch an vieles nicht heran und macht halt dann gar nichts. Es ist eine Selbstaufgabe der Sozialdemokratie.

Ihr vorvorletztes Programm hieß „Unruhestand“. Ein Lebensmotto?

Resetarits: Ja, die Unruhe bleibt, ich werde sie nicht los. Es wäre zwar besser, die aktuelle Regierung cool, calm and collected zu verspotten …

Aber es ist der Zorn, der Sie antreibt.

Resetarits: Es ist der Zorn. An Ungerechtigkeit kann ich mich nicht gewöhnen.

Stadtsaal, Di, Mi, Do 20.00

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FALTER 12/19
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