Ihr kriegt mich hier nicht raus!

Er hat wenig Sex, erreicht kaum die Größe eines Daumennagels und frisst nur Mais. Trotzdem verbreitet der Maiswurzelbohrer Schrecken unter den Bauern. Was ist das für ein Tier?


EVA KONZETT

LANDLEBEN | aus FALTER 15/19 vom 09.04.2019

Foto: Science Photo Library / picturedesk.com

Er ist gekommen, um zu bleiben. Wo er im Kollektiv auftritt, richtet er Verheerung an. Dort, wohin er weiterzieht, verbreitet er Angst. Ein Neozoon nennen ihn die Wissenschaftler, ein eingeschlepptes, nicht heimisches Insekt. Einen Schädling nennen ihn die Pflanzenschutzexperten. Die Pest nennen ihn die Bauern, deren Felder er verwüstet: Gestatten, der Maiswurzelbohrer. Ein Tier aus der Klasse der Insekten, Ordnung Käfer. Sieben Millimeter lang ist er mit körperlangen Fühlern, einem gelben Halsschild und charakteristischen schwarz-gelben Streifen auf den Deckflügeln. Seine wissenschaftliche Bezeichnung lautet Diabrotica virgifera virgifera (LeConte), und das klingt so edel wie erhaben. Dabei ist das Tier kaum so groß wie ein Daumennagel.

Und es ist zerstörerisch. Der Maiswurzelbohrer frisst sich durch die Maisfelder und die Landwirte und mit ihnen der gesamte agrarchemische Apparat haben weder hierzulande noch anderswo Antworten darauf. Die einzig wirksame Bekämpfungsmethode wäre die Rückkehr zu einer weniger auf Ertrag ausgerichteten Landwirtschaft mit einem behutsameren Umgang mit dem Boden. Nur kann sich das kaum wer leisten. Und man will es vielerorts auch nicht. Diese Geschichte handelt von den Konsequenzen einer auf Profitmaximierung ausgerichteten Agrikultur und deren Grenzen. Und sie handelt von Hilflosigkeit. Von einem kleinen zentralamerikanischen Käfer, der sich auf der halben Welt breit und den Bauern das Leben schwer macht. Auch in Europa, wo er Anfang der 1990er-Jahre aus dem Nichts auftauchte.

Wie genau er nach Europa kam, lässt sich nicht mehr sicher sagen. Die Reise über den Atlantik überstand er wohl im Bauch eines Flugzeuges, vielleicht einer Lockheed C-5, die das amerikanische Militär damals nutzte, versteckt irgendwo zwischen den Hilfslieferungen für die Menschen in dem Krieg, der gerade die Grenzen auf dem Balkan blutig neu ziehen würde, neben Carepaketen und medizinischem Bedarf. Vielleicht hat er auch einen ganz anderen Weg genommen. Fest steht nur, dass er im Sommer 1992 in großer Stückzahl da war, auf einem Acker in der Nähe des Nikola-Tesla-Flughafens in Belgrad. Seither kommt er jedes Jahr ein paar Kilometer voran, schafft 20 Kilometer pro Jahr, wenn er selber fliegen muss und deutlich mehr, wenn ihn Lastwagen, Busse oder andere Fahrzeuge mitnehmen, wandert weiter nach Nord, Süd, West und Ost zum nächsten, zum übernächsten Maisfeld.

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