„Inszenieren ist der größte Spaß“

Die Filmerin, Performerin und Malerin Mara Mattuschka feiert mit einer Retrospektive ihren 60er


MICHAEL OMASTA

FALTER:WOCHE, FALTER 23/19 vom 04.06.2019

Mara Mattuschka performt in „Plasma“, „Es hat mich sehr gefreut“ und „S.O.S. Extraterrestria“, Tamara Mascara in „Phaidros“ (Fotos: MINUS FILM / FAA)

Die ganze Welt ist Bühne, eine Showbühne, und Mara Mattuschka eine Filmemacherin, Performerin, Autorin, Malerin und Schauspielerin, die als Künstlerin immer gerne aus der Reihe tanzt. Sie wurde in Sofia geboren, galt als Mathematik-Wunderkind, kam nach Wien, studierte Ethnologie und Sprachwissenschaft und landete schließlich an der Angewandten in der Klasse von Maria Lassnig. Anfang der 1980er wandte sie sich dem Film zu, heute gilt sie längst als Enfant terrible der österreichischen Avantgarde. Anlässlich ihres 60. Geburtstags wird Mattuschka vom Filmarchiv Austria mit einer Retrospektive und begleitender Publikation gewürdigt.

An die 50 Filme hat Mara Mattuschka bis dato gedreht. „Ob alle gelungen sind, das hinterfrage ich gar nicht“, sagt sie. „Was ich gemacht hab, hab ich gemacht. Und in dem Moment hat es sich richtig angefühlt.“

Ihre kurzen frühen Arbeiten sind One-Woman-Shows, in denen Mattuschka als Mimi Minus, ihr Alter Ego, im Mittelpunkt steht. Für sie selbst sind es Erweiterungen der bildenden Kunst, „so etwas wie skulpturale Bilder“, die sich durch die Bewegung der Kamera im Raum verändern und verdichten. Dass ihre Produktionsfirma bis heute Minus Film heißt, ist also nicht allein der prekären Situation geschuldet, unter der ihre Low-Budget-Arbeiten entstehen.

„NabelFabel“ ist Zeugnis einer Geburt: Nacheinander durchstößt Mimi/Mattuschka die zig Strumpfhosen, die sie über den Kopf gezogen hat. In „Kugelkopf“, einer Ode an IBM, hantiert sie lässig mit einem Rasiermesser; der Verband wird immer dicker, bis ihr Kopf eben zum Kugelkopf und ihr Blut zu Tinte geworden ist.

„Es hat mich sehr gefreut“ (1987), ihr erstes Meisterwerk, dauert keine zwei Minuten. Vor einem nicht näher definierbaren Hintergrund befriedigt Mimi Minus sich selbst; die Bilder sehen wie Kopien von Kopien von Kopien aus, der Schnitt kontrastiert die lustvollen Geräusche, indem er nach ersten Close-ups zunehmend auf Distanz geht, und am Ende bedankt sich Mimi Minus mit dem berühmten Spruch des alten Kaisers: Danke, es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Science-Fiction-Satire „S.O.S. Extraterrestria“, in dem Mimi Minus zum anarchischen Bad Girl mutiert: Wie ein weiblicher King Kong durch Hamburg torkelnd, verwüstet sie die Reeperbahn und findet sich, von Found-Footagefilm-Artillerie verfolgt, auf dem Eiffelturm wieder.

Häufig dienen Orte, an denen man weder zu Hause noch ganz fremd ist, als Locations für ihre Filme: Transitorte wie Hotels, Restaurants, Bühnen, ein Spiegelkabinett oder auch ein Bordell. Dazu passt, dass Mattuschka am liebsten im Kaffeehaus arbeitet.

Eine der Hauptbeschäftigungen, seitdem sie auch abendfüllende Filme dreht, ist das Schreiben. „Dabei fühle ich mich halb wie ein Schauspieler. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, muss ich in die Figuren hinein. Ich muss von innen spüren, was passiert, wie sie denken und agieren.“

Es gibt in ihren Filmen nicht die eine Figur, mit der sich das Publikum identifizieren, nicht den einen Blickwinkel, den es sich zu eigen machen könnte, sondern man sieht sich mit vielen verschiedenen – wenn man will: psychologischen – Perspektiven konfrontiert. So wirklich mainstreamtauglich sind ihre unbeschwert experimentierfreudigen, dabei bis ins Detail liebevoll gestalteten Arbeiten freilich nicht.

„Picture Garden“ (Co-Regie: Chris Haring) beispielsweise ist ein Gesamtkunstwerk, das so wild wuchert wie die Pilze in besagtem Garten. „Ein Film wie eine Droge, auf die man sich einlassen muss“, empfiehlt Mattuschka. „Tut man das nicht, könnte man in einen Horrortrip geraten.“

Über den Eröffnungsfilm ihrer Retrospektive ließe sich ähnliches behaupten. „Phaidros“ (2018), der von Platons gleichnamigem sokratischen Dialog über die Vorzüge der Freundschaft gegenüber der Liebe inspiriert wurde, ist eine Art schillerndes Drag-Szene-Krimi-Performance-Epos. Zudem spielt es im Theatermilieu, weshalb sich die Spiegelungen und Brechungen ins schier Unendliche potenzieren. Und mittendrin ein Jüngling mit Namen Emil, der zur Projektionsfläche für allerhand Eifersüchteleien und erotische Gelüste wird.

Das Liebste beim Filmen, sagt Mara Mattuschka, sei ihr das Inszenieren. „Das ist für mich der größte Spaß. Wenn eine Szene gedreht ist, dann ist der Film gemacht.“ Dass sie anschließend monatelang am Schnitt und an der Postproduktion sitzt, schmälert dieses Vergnügen kein bisschen.


Metro Kinokulturhaus, 5. bis 21.6.

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FALTER 24/19
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