„Jeder hat seine eigenen Zufälle“

Der Regisseur Federico León über sein neues Stück, Zufälle und ein spezielles Wiener Talent

MARTIN PESL
FALTER:WOCHE, FALTER 24/19 vom 11.06.2019

Foto: Ignacio Iasparra

Ein Raum mit verschiedenen Stationen. Männer spielen Kirtagsspiele, eine alte Frau bewacht einen Kühlschrank, aus dem ein kleines Mädchen trotzdem Käse stiehlt. Lauter scheinbar willkürliche Aktionen, die irgendwie zusammengehören. Aber wie? Es ist ein bisschen, als streife das Publikum durch einen wirren, aber inspirierenden Traum. Das neue Stück des argentinischen Theatermachers Federico León heißt „Yo escribo. Vos dibujás.“ („Ich schreibe. Du zeichnest.“). Er tourt damit durch die Welt, castet aber in jeder Stadt neue Darstellerinnen und Darsteller. Ab Donnerstag gibt es die Wien-Version bei den Festwochen zu sehen. Im Rahmen der Aufführungen in Brüssel kam es zum Falter-Gespräch mit dem Regisseur.

Falter: Herr León, Sie casten für Ihr Stück „Yo escribo. Vos dibujás.“ in jeder Stadt ein neues Ensemble aus bestimmten Typen. Worauf achten Sie beim Casting?

Federico León: Manche müssen bestimmte Talente mitbringen: ein Saxofonist, ein Zeichner, ein Schachspieler. Bei anderen zählt ein gewisses Alter: ein kleines Mädchen, eine alte Frau. Einige Charaktere sind offener, die überlasse ich mehr dem Zufall. Ich glaube, für Profi-Schauspieler ist es zu schwierig, hier mitzumachen. Man muss sich sehr auf eine einzige Sache konzentrieren, die man aber nach einem strengen Zeitplan durchführt, damit sie sich in den Rest einfügt.

Ist Ihnen in Wien bei der Darstellersuche etwas Bestimmtes aufgefallen?

León: Wir suchen immer einen Saxofonisten, der gut Skateboard fahren kann. Das ist gar nicht so leicht. Der Darsteller hier in Brüssel kann es nur solala, es hat ihn schon ein paarmal geschmissen. In Wien haben wir gleich drei gefunden, die beides können.

Sind Sie ein bisschen wie David Copperfield? Die Mitwirkenden kennen nur die jeweils eigene Aufgabe, aber nicht den gesamten Trick?

León: Mir ist wichtig, dass alle alles verstehen. Wir führen vor den Proben sehr eingehende Gespräche. Obwohl alle ihre konkreten Aufgaben haben, sollen sie die nicht nur einfach ausführen, sondern genau wissen, was es mit dem großen Ganzen auf sich hat. In Buenos Aires haben wir neun Monate geprobt. Manche Tätigkeiten, wie das Schießen mit einem Punchingball, sind wie Zen-Praxis. Je öfter man repetitive Tätigkeiten ausübt, desto mehr stellt man fest, dass sie eben nicht immer gleich sind, sondern jedes Mal anders.

Aber die Zuschauer dringen ja in dieses Gefüge ein. Sie dürfen sich frei im Raum bewegen. Befürchten Sie nicht, dass jemand den perfekten Plan stört?

León: Die Idee ist, dass das Publikum nicht eingreift. Das Konzept ist dafür aber bis zu einem gewissen Grad offen. Bis jetzt benehmen sich die Leute recht gesittet. In Buenos Aires gab es Zuschauer, die die aus Schokolade gegossenen Schachfiguren genommen und gegessen haben. In Brüssel haben sechs Jugendliche am Ende des ersten Teils angefangen, einander mit den Punchingballs abzuschießen. Es ging trotzdem weiter.

C.G. Jungs Begriff der Synchronizität spielt eine wichtige Rolle. Was hat es damit auf sich?

León: Sobald man sich mit einem Thema auseinandersetzt, hat plötzlich alles rundherum mit einem zu tun. Ich borge mir ein Buch aus, sehe einen Film oder führe ein Gespräch und stelle fest, dass das Thema, das aufgekommen ist, damit in Verbindung steht, was ich gerade recherchiere. In meiner künstlerischen Arbeit passiert das ständig.

Können Sie ein Beispiel nennen?

León: Im Stück kommt ein alter Mann vor. Bei der Uraufführung in Buenos Aires spielte ihn ein pensionierter Pilot. Auch hier in Brüssel fanden wir einen alten Mann, und es stellte sich heraus, dass er ebenfalls Pilot war. Diese Elemente, die nicht zusammengehören, sich aber plötzlich miteinander verbinden lassen, interessieren mich.

Im zweiten Teil des Abends spielt Astrologie eine wichtige Rolle. Ein umstrittenes Thema. Wie stehen Sie dazu?

León: Die Schauspielerin Claudia, die in der ersten Fassung selbst als Astrologin auf der Bühne war, hat mich in dieses Gebiet eingeführt. Wir sind seit 25 Jahren befreundet. Die Träume, von denen berichtet wird, sind ihre Träume. Für mich ist die Astrologie eine Philosophie: In allem, was uns passiert, liegt ein Sinn. Mir ist bewusst, dass nicht alle etwas damit anfangen können, aber damit kann ich leben. Ebenso kann ein einzelner Zuschauer gar nicht alles sehen. Jeder hat seine eigenen Zufälle. Nur alle gemeinsam können das Ganze erfassen.

Sollte das Publikum sich nachher also zusammensetzen und das Rätsel lösen?

León: Eine hervorragende Idee!

Gösserhallen, Halle 1, 13. bis 16.6.

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FALTER 25/19
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