Kick am Klo

Eine Reihe von Drogentoten in den letzten Monaten sorgt in der Steiermark für Hysterie. Mutige und andernorts bewährte Lösungen wie öffentliche Drogenkonsumräume oder Heroin auf Krankenschein sind hierzulande noch immer ein Tabu.

DONJA NOORMOFIDI | STEIERMARK, POLITIK | aus FALTER 20/06 vom 16.05.2006

Anna ist abgemagert und blinzelt ein paar Mal zu oft; ansonsten sieht man ihr aber kaum an, dass sie seit fünf Jahren drogenabhängig ist. Sie sitzt auf der Couch im Kontaktladen der Caritas, wo Drogensüchtige ihre Spritzen tauschen, duschen und Wäsche waschen können. Während ihres Jusstudiums hat Anna angefangen, Heroin zu spritzen, weil sie in einer WG mit Fixern wohnte. Sie weiß, dass es in der Steiermark in letzter Zeit eine Reihe von Drogentoten gab. Ihr Freund, er ist ebenfalls abhängig, habe sogar drei der Opfer vom letzten Entzug persönlich gekannt: „Sie sterben, wenn sie vom Entzug kommen und die Dosis nicht mehr gewöhnt sind.“

„Alarmierend“, „Eine Serie“, schreiben die lokalen Blätter. „Zehn Drogentote in der Steiermark – seit November.“ Warum die Zahl der Todesopfer neuerdings seit November gerechnet wird und nicht wie bisher in Kalenderjahren, ist unklar und erleichtert den Vergleich mit Vorjahren nicht gerade. Schaut man sich die Zahlen nüchtern an, ist von einem radikalen Anstieg keine Spur: Heuer starben in der Steiermark bis Mitte Mai sieben Personen an den Folgen von Drogenkonsum, im Vorjahr waren es insgesamt 14, im Jahr 2004 zwölf und im Jahr davor 13. Das ist zwar traurig, aber kein Grund zur Panik, könnte man meinen, zumal auch Peter Ederer, Suchtkoordinator des Landes, von einer „zufälligen Häufung“ spricht. Trotzdem fantasierte Kronen Zeitung-Chefredakteur Markus Ruthard kürzlich in seiner Kolumne: „Zehn Suchtgifttote in der Steiermark binnen eines halben Jahres treiben sogar den Mann von der Straße fast in den Wahn.“ Das Blatt startete eine Kampagne mit dem tollkühnen Titel „Krone für eine drogenfreie Steiermark“ und verkündete, dass bereits 10.000 Personen im Bundesland von harten Drogen abhängig seien, eine Schätzung, die alle offiziellen Zahlen weit hinter sich lässt. Laut Schätzung des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Suchtforschung sind 30.000 Österreicher drogenabhängig, meist von Heroin oder Kokain. VP-Sicherheitssprecher Edi Hamedl forderte in der allgemeinen Hysterie sogar Zwangseinweisungen für Härtefälle. Ulf Zeder, Suchtkoordinator der Stadt Graz, bleibt gelassen: „Das ist immer so in Wahlkampfzeiten.“
Am Rande hat die Panikmache auch ihr Gutes: Ein Unterausschuss des Landtags trat zusammen und beschloss, die Vervierfachung des Personals auf der Drogenstation der Landesnervenklinik Sigmund Freud. Das fordert der Unterausschuss zwar schon seit Jahren, doch nun wird auch Gesundheitslandesrat Helmut Hirt (SPÖ) tätig. Tatsache ist aber, dass es an einem ganzheitlichen Plan mangelt. Das steirische Drogenkonzept ist ein schmales Papier, mit „wenig Text, aber viel Grafik“, meint Edith Zitz von den Grünen. Eine Diskussion über mutige Lösungsansätze, die in anderen Ländern längst zur Normalität gehören, wie Konsumräume oder Heroin auf Krankenschein findet hierzulande nur am Rande statt. Dafür gibt es Streit um das Drogenersatzmittel Substitol.

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