Krise über Wien?

Wie reagiert Wien auf die Wirtschaftskrise? Mit guter Stimmung und einem Konjunkturpaket, das vor allem aus bereits lange geplanten Projekten besteht

BARBARA TóTH, STEFAN APFL | POLITIK | aus FALTER 11/09 vom 10.03.2009

Der Blick, den Gabriele Payr aus dem Fenster wirft, fällt auf eine Stadt in der Krise. Oder vor der Krise. So genau weiß das niemand, auch die Chefin der Wiener Stadtwerke nicht. Ringturm, 18. Stock, Konzernzentrale. Es ist 7.30 Uhr. Gabriele Payr ist Frühaufsteherin. „Wenn Sie die Heizung aufdrehen, das Licht anschalten oder mit der U-Bahn zur Arbeit fahren“, sagt Payr, „das sind wir.“ Wir, das sind Wien Energie, Wiener Linien und Bestattung Wien. 15.500 Menschen arbeiten für Österreichs größten kommunalen Infrastrukturbetrieb in öffentlicher Hand – und seit kurzem weiblich geführt. „Wir tragen nur ein privatwirtschaftliches Kleid“, sagt Payr. „Im Gegensatz zu echten Privaten haben wir aber auch das Gemeinwohl im Auge.“ Weisungen vom staatlichen Eigentümer darf es von Gesetzes wegen nicht geben. Wünsche schon. Deshalb wollen die Stadtwerke in der Krise keine Mitarbeiter entlassen, sondern im Gegenteil 4000 aufnehmen. Die Wiener Stadtwerker sind Dienstleister – und Krisenfeuerwehr in einem. „Gerade jetzt“, sagt die Gegnerin von staatlichem Ausverkauf, „zeigt sich, wie wichtig ein öffentlicher Marktteilnehmer für die Stabilität ist.“

Ihre Haltung ist aktuell wie nie zuvor – und symptomatisch für den Umgang Wiens mit der weltweit drohenden Rezession. Bereits im vergangenen Oktober schnürte die rote Stadtregierung ein Konjunkturpaket von 100 Millionen Euro. Davon kommen den Stadtwerken 15 Millionen zugute. Mit dem Geld wird zum Beispiel der Untergrund-Straßenbahntunnel im vierten Bezirk renoviert. Eine vorgezogene Investition, mit der die Stadt Geld in die Wirtschaft pumpen und Arbeitsplätze sichern will. Im Vergleich mit den 847 Millionen, die Payrs Konzern jährlich investiert, wirken die 15 Millionen Euro zwar läppisch.

Dennoch zeigen sie sehr gut, wo der Schwerpunkt der Wiener Konjunkturmaßnahmen liegt. Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) will vor allem arbeitsintensive Projekte fördern, wie etwa die Sanierung von Gemeindebauten und Amtshäusern, Spitälern und Pflegeheimen. Zukunftsgerichtete Ressorts wie Bildung, Wissenschaft oder Kultur? Blieben im ursprünglichen Konjunkturpaket vom Oktober weitgehend unbeachtet. Inzwischen gibt es mit dem Gratiskindergarten für alle aber auch eine Maßnahme, die sich nicht unter „kurzfristige Sicherung von Arbeitsplätzen in traditionellen Branchen“, sondern unter „langfristige Investition in Humankapital“ verbuchen lässt.

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