„Niemand glaubt Blair“

Der englische Schriftsteller Julian Barnes wird dieser Tage mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Mit dem „Falter“ sprach er über die Alte Welt und das Altern, über Blair, Beckham und die Bombenanschläge auf London sowie über seinen jüngsten Erzählband.


KLAUS NüCHTERN

FEUILLETON, FALTER 31/05 vom 02.08.2005

Julian Barnes, 59, verkörpert den guten Briten. Also alles das, was nicht mit Hooliganismus, Kampftrinken, Fuchsjagd und isolationistischer Engstirnigkeit zu tun hat. Barnes ist der lebende Beweis dafür, dass England doch in Europa liegt. Der Roman, der ihn berühmt gemacht hat, „Flauberts Papagei“ (1984, deutsch 1987), ist der beste Beleg dafür: eine kluge, witzige, aber auch anrührende Reflexion über das Werk des französischen Romanciers, über den Zusammenhang von Biografie und Schreiben sowie über betrogene Ehemänner. Barnes’ Frankophilie manifestierte sich danach unter anderem auch in den Erzählungen „Dover – Calais“ (1996) oder dem Essayband „Tour de France“ (2002/2003). Zu den bekanntesten Werken Barnes’ zählen darüber hinaus noch die Dreiecks-Fortsetzungsromane „Darüber reden“ (1991/1992) und „Liebe usw.“ (2000/2002) sowie „Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln“ (1989/1990). Außerdem hat Barnes in den Achtzigerjahren unter dem Pseudonym Dan Kavanagh vier Kriminalromane rund um einen bisexuellen Expolizisten geschrieben.

Während Barnes’ jüngster Roman „Arthur & George“ – es geht um einen berühmten Justizfall, in dem Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle involviert war – soeben im englischen Original herausgekommen ist, erscheint auf Deutsch nun „Der Zitronentisch“ (2004), dessen elf in verschiedenen Regionen und Epochen spielende Erzählungen ein gemeinsames Thema haben: Alter und Tod. Kiepenheuer & Witsch hat die Veröffentlichung des Buches übrigens vorgezogen, weil Barnes am 9. August mit dem seit 1965 vergebenen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wird, den zuletzt António Lobo Antunes, Umberto Eco und Christoph Hein erhielten.

Falter: Der Preis, der Ihnen dieser Tage verliehen wird, ist per definitionem ein Preis für europäische Literatur. Abgesehen von Ihren bekannten Verdiensten um den Kulturtransfer über den Ärmelkanal: Was macht Sie zum europäischen Autor?

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