Offenes Herz

Der österreichische Musiker Wilfried Scheutz kämpft mit einer Krebserkrankung. Auf seinem neuen Album „Gut Lack“ feiert er das Leben und denkt über dessen Zerbrechlichkeit nach


STEFANIE PANZENBöCK
FEUILLETON | aus FALTER 24/17 vom 13.06.2017

Wilfried Scheutz ist ein großer Mann. In einem dunkelroten indischen Anzug steht der Sänger inmitten seiner Freunde vor dem Haus der Vereinsmeierei in Pressbaum. Es ist ein sonniger Nachmittag Ende Mai. Tische und Bänke sind aufgestellt, Häppchen und Sekt werden gereicht, die Gäste plaudern. Ein gemütliches Frühlingsfest. Scheutz, 66, hat viele eingeladen, Familie, Freunde, Musikerkollegen und auch Journalisten. Er will sein neues Album präsentieren, „Gut Lack“. Live spielen wird er nicht, das lässt sein Gesundheitszustand nicht zu.

Vor wenigen Wochen gab der Sänger bekannt, dass er an einer Krebserkrankung leidet. Zuerst wurde ihm eine Niere entfernt, mittlerweile haben sich die Metastasen auch in seinem Kopf ausgebreitet. Doch heute will er feiern. Seine Musik, seine Familie und sich selbst.

Seit über 50 Jahren steht der unter seinem Vornamen bekannte Mann auf der Bühne. Mit 14 gründete er die Band Provos, die nach einer anarchistisch-hippiesken Bewegung in den Niederlanden benannt war. Bald darauf stand er erstmals auf der Bühne.

In den 1970er-Jahren ebnete Wilfried mit dem Hit „Ziwui, Ziwui“ den Weg für die Verschmelzung von Volksmusik und Rock und wurde dann zu einem der wichtigsten Vertreter des Austropops. Allerdings blieb er ein Außenseiter und bunter Hund mit Hang zu stilistischen Hakenschlägen – Abstecher in Richtung Disco und New Wave inklusive.

In den Anfängen der EAV war er kurzzeitig ihr Leadsänger, doch bald wurde er wieder zu „Wilfried“ und setzte seine Solokarriere fort. Es folgten Hits wie „Highdelbeeren“, „Südwind“ oder „Ikarus“ – und 1988 der Song Contest. Wilfried erhielt für seine Ballade „Lisa Mona Lisa“ keinen einzigen Punkt.

Der einst gefeierte Austropopstar kehrte der Musik vorübergehend den Rücken, arbeitete als Schauspieler – unter der Regie Elfriede Otts etwa in Nestroy-Stücken –, gründete Mitte der 1990er einen A-cappella-Chor, den 4xang, und spielte im Duo mit seinem Sohn Hanibal, der heute Mitglied der Gruppe 5/8erl in Ehr’n ist.

Anfang der 2000er-Jahre rief er mit anderen die Kulturinitiative „Vereinsmeierei“ ins Leben und eröffnete mit seiner Frau Marina das gleichnamige Vereinshaus in Pressbaum in Niederösterreich. Es steht unterhalb des Hauses, in dem die Familie wohnt.

Foto: Christopher Mavrič

An einem Tisch vor der Vereinsmeierei setzt sich Wilfried mit den Journalisten zusammen. Er will Fragen zu seinem neuen Album beantworten, seinem Leben, seiner Krankheit. Immer mehr Gäste treffen ein, Sohn Hanibal serviert Getränke, Ehefrau Marina kümmert sich um das Buffet. Was erwartet man sich als Außenstehender? Trauer? Pathos? Verzweiflung? Nichts davon ist zu spüren.

Wilfried lächelt verschmitzt in die Runde, erzählt von seinem roten Anzug, den er sich in Indien hat anfertigen lassen. Dort verbrachte er einige Jahre lang jeweils sechs Wochen in den Wintermonaten und verliebte sich in das Land. „Indien fährt dir ein wie eine Spritze“, sagt der Musiker.

Das Wort inbrünstig fällt einem ein, wenn man Wilfried zuhört, kein Satz kommt ihm ohne Emotion über die Lippen. Über seine Krankheit sagt er: „Es wird alles zehn Mal so arg. Alles stößt an Lebensgrenzen. Es blitzt überall. Am Tag vor meiner Kopfoperation kamen mir solche Gedanken wie: Ich gehe durch die Wüste und trage die großen Tafeln. Plötzlich habe ich die biblischen Bilder verstanden. Aber nicht, weil ich so ein großer, wilder Typ bin, sondern weil das Schicksal so ein wildes Ereignis ist.“

Wilfried stammt aus Bad Goisern im Salzkammergut. Seine Mutter führte ein Wirtshaus, sein Großvater widmete sich als Tanzgeiger und Dirigent im Kirchenchor ganz der Musik und wurde zum großen Vorbild. Wilfried ging in dieselbe Volksschulklasse wie Jörg Haider, nach der Matura kam er nach Graz zum Studieren. Seine rockigen Interpretationen von Volksliedern trafen in der ersten Hälfte der 1970er gleich mehrere Nerven der Zeit.

Er landete mit „Ziwui, Ziwui“ und, Anfang der 1980er, einer Punkversion des Kufsteinlieds zwar große Erfolge, allerdings war die Ablehnung fast ebenso massiv. Die einen waren wütend, weil Wilfried ihrer Meinung nach Traditionen verächtlich machte; die anderen wiederum sahen in der Volksmusik nur Ewiggestriges und waren pikiert, dass Wilfried sie mit Pop in Verbindung brachte.

„Mich haben sie wirklich geprügelt“, sagt der Missverstandene. „So in die Richtung: Jetzt kommt er bald auch noch in der Lederhose daher, der Nazi aus dem Salzkammergut. Das habe ich zwar so nicht gelesen, aber gehört hab ich’s schon. Dann habe ich auch noch ein Plädoyer für die Lederhose gehalten, das geht in Wien gar nicht. Aber die Lederhose ist meine Lebenshose, in der bin ich aufgewachsen.“

Bis heute, sagt Wilfried, verstünden vor allem Wiener Journalisten nicht den Unterschied zwischen „Musikantenstadl“ und echter Volksmusik: „Das eine ist falsch und das andere ist echt.“ Punkt. Doch auch die Traditionalisten schalten nach wie vor auf stur. Ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung des Kufsteinliedes à la Wilfried verhinderte der Gemeinderat des Tiroler Städtchens, dass der Sänger in einer Theaterproduktion auf der Festung Kufstein mitspielte. „Wegen Verhöhnung des Ortes Kufstein. 25 Jahre später“, schüttelt Wilfried den Kopf. Mittlerweile ist die Verquickung von Rock, Pop, Rap mit Volksmusik längst salonfähig. Hubert von Goisern startete seine Karriere Mitte der 1980er, ab den 1990ern schuf das Polka-Punk-Duo Attwenger mit steirischer Harmonika, Schlagzeug und Elektronik ein neues Genre.

Dass nun seit einiger Zeit österreichische Musik eine neue Blüte erreicht, ist für Wilfried späte Gerechtigkeit. „Ich habe gewusst, dass das kommt. Du kannst nicht alles dauernd niederhalten“, schimpft er in Richtung des Radiosenders Ö3, der sich über Jahrzehnte der Förderung österreichischer Musik verweigert hatte.

Die Songs auf Wilfrieds neuem Album „Gut Lack“, das am 16. Juni erscheint, vereinen Lässigkeit, Eleganz, Nachdenklichkeit, Jazz, Soul, Pop sowie lateinamerikanische und volksmusikalische Zitate. Einer, der ständig alles gegeben hat, sucht hier nach der inneren Ruhe. Die Texte sind persönlich und politisch zugleich.

Etwa, wenn Wilfried in „Mir reicht’s“ den Wutbürgern die Meinung sagt. Warum das gerade ihm, der immer ein Rebell war, ein Anliegen ist? „Am Anfang habe ich mir gedacht, endlich hauen die Leute auf den Tisch. Aber was ist daraus geworden? Jeder Trottel haut auf den Tisch, ohne jemals einen Fakt nachzuprüfen, und schreit herum, bevor er überhaupt noch überrissen hat, was gemeint ist. Ich habe eine Wut auf die Wutbürger!“ Der Albumtitel „Gut Lack“ geht auf einen alten Ausdruck zurück: „Des hot an Lack“, ein Vorläufer von „cool“, „geil“, „fett“ und Konsorten.

Produziert haben „Gut Lack“ Wilfrieds Sohn Hanibal und der brasilianische Songwriter Carlos Barreto-Nespoli. Die beiden schrieben auch die Musik zu den Texten. „Ich war meinem Vater schon immer sehr nahe, aber in der Ruhe, in der wir uns jetzt treffen – vielleicht kommt man da nur hin, wenn so etwas passiert, wie es ihm passiert“, sagt Hanibal, der heute 35 ist.

„Als Kind fand ich dieses Bühnending immer total imposant, mein Vater hat es auch nie von mir ferngehalten, ganz im Gegenteil. In der Kindheit hat das auch etwas sehr Verspieltes, man kann sich auf den Bühnen verstecken, überall blitzen Lichter. Er hat immer alles mit mir geteilt und mir viel Musik vorgespielt, Queen oder Nirvana zum Beispiel.“

Als Hanibal dann selbst Musiker wurde und Jazz studierte, war er es, der seinem Vater Neues zeigte. „Ihm geht es immer darum, dass die Musik berührt. Er hat mir beigebracht, hinter die Show zu schauen und nicht nur auf die Technik Wert zu legen. Die Frage ist für ihn immer: Fährt das ins Herz oder nicht? Haben die Musiker das Herz offen, sind sie Erneuerer. Alles, was mein Vater mich gelehrt hat, war immer sehr geerdet und mit viel Herz verbunden. So wollte ich ihn auch auf ,Gut Lack‘ zeigen.“

Wilfried will einige der Lieder in der Vereinsmeierei vorspielen und bittet die Gäste herein. Er zieht die Schultern hoch und strahlt wie ein Kind, setzt den Hut ab, bittet Hanibal und Carlos zu sich. Der Raum ist voll, auch draußen stehen noch einige Leute. Die Musik startet, alle wippen mit, applaudieren begeistert, es gibt stehende Ovationen.

Zu „Was wird?“, dem letzten Lied auf der Platte, nahmen die Künstler ein Video auf, das sie nun abspielen. Es zeigt Wilfried, Hanibal und Carlos beim Musikmachen und wie sie durch den Wald spazieren. „Was wird aus uns wenn – wenn wir das verliern“ – „Drum lass mich tun – tun was ich tun muss“, lautet der Text.

Vor dem Vereinshaus sitzt Wilfrieds Frau Marina, sie hat ihre Arme um zwei weinende Frauen gelegt. Als das Lied vorbei ist, alle aufstehen und applaudieren, deutet ihr ein Gast, sie solle nach vorne kommen, doch sie schüttelt den Kopf und geht hinter die Bar. „Es gibt Krautfleckerln!“, ruft sie, „warme!“, und wischt sich kurz über die Augen.

Das Fest geht weiter, es wird getrunken, gegessen, langsam wird es dunkel. Dann verabschiedet sich Wilfried, er muss sich ausruhen. Er nimmt seinen Stock, den er an einen Baum gelehnt hat und stützt sich auf seine Frau. Arm in Arm gehen sie den Weg hinauf zum Haus. F


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