Ohne Kunstblut

Mit seinem Debütroman hat es Saša Stanišic auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Ein Gespräch mit dem jungen Grazer Stadtschreiber über die richtige Platzwahl im Theater, über Bosnien und die Träume alter Menschen.

MARIA MOTTER
STEIERMARK, FEUILLETON, FALTER 40/06 vom 03.10.2006

Gerade fünf Tage ist Saša Stanišic in der Stadt. Genug Zeit, um Kontakt zu lokalen jungen Schriftstellerkollegen aufzunehmen, beim steirischen herbst vorbeizuschauen und erste Eindrücke in seinem Blog (www.kuenstlicht.de) festzuhalten: „Ich sitze bei Fritz Katers Stück in der ersten Reihe, ein Fehler. Niemals in diesen Stücken, wo so viel geschrien wird, in der ersten Reihe sitzen. Wo geschrien wird, wird auch herumgespuckt und das alles.“ Außerdem fand sich noch Gelegenheit, mit Maruša Krese, der vorigen Stadtschreiberin, zu lesen, in den netteren Lokalen der Stadt abzuhängen und die ersten Pläne für die nächsten zwölf Monate auf ihre Durchführbarkeit zu überprüfen. „Sich ein bisschen einmischen, helfend oder störend, je nach Bedarf“, hat der 28-jährige gebürtige Bosnier vor.

Mit zehn Jahren begann Stanišic zu schreiben, füllte leere Terminkalender, die sein Vater ihm brachte, mit Gedichten und zwei Romanen und hielt seine erste Lesung in der Bibliothek in seinem Heimatort Višegrad, dem Ort, der schon durch die „Brücke über die Drina“ von Ivo Andric in die Literaturgeschichte einging. Dann brach der Krieg aus. 1992 floh Stanišic mit seiner Familie nach Deutschland, seine Eltern emigrierten 1998 in die USA, er blieb in Heidelberg, studierte und bekam eine Stelle an der Universität angeboten. Dann überlegte er: „Saša, du hast ein Jahr, um zu versuchen, mit dir zufrieden zu sein und eine Geschichte zu erzählen, die dir sehr wichtig ist – die Geschichte vom Bürgerkrieg und von meiner Flucht.“

2005 las er eine Geschichte daraus beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt und gewann den Publikumspreis. Im August erschien der Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, und bereits vor der Veröffentlichung wurde das Werk für den Deutschen Buchpreis nominiert, als Hörspiel produziert und vom Bayrischen Rundfunk gesendet. Das Buch, das aus Sicht eines heranwachsenden Kindes eine im Krieg zerfallende Welt mit detailreicher Sprache und enormer Fantasie zu erfassen versucht, schaffte es auf die Shortlist der sechs besten Bücher. Den Deutschen Buchpreis 2006 erhielt Montagabend aber Katharina Hacker – für ihren Roman „Die Habenichtse“.

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