Radikale Dinge, gemäßigte Botschaft

Stand-up-Comedian Eddie Izzard geht in die Politik, aber zuvor noch auf Welttournee

MARTIN PESL | FALTER:WOCHE | aus FALTER 15/19 vom 09.04.2019

Foto: Mick Perrin

Eddie Izzard, 57, ist wahrscheinlich der populärste Stand-up-Comedian der Welt. Menschen aller Generationen zitieren Szenen aus seinen rasanten, höchst skurrilen Programmen von „Unrepeatable“ über „Dress to Kill“ bis „Force majeure“. Mit der letzteren Show war Izzard auch schon in Wien zu Gast. Der Brite spielte in seiner Muttersprache Englisch, experimentierte aber auch mit Fremdsprachen wie Französisch, Russisch und Deutsch, um seine Liebe zu Europa zum Ausdruck zu bringen. Umsetzen möchte er diese künftig in der britischen Tagespolitik. Bevor er dafür eine Auszeit vom Showleben nimmt, hat er sich als Filmschauspieler in Historienfilmen wie „Victoria & Abdul“ und „Twelve Minutes to Midnight“ etabliert. Außerdem gibt es ein neues Programm und eine Welttournee, die ihn am 17. April ins Globe Wien führt. Ins Gespräch startet Izzard selbstbewusst mit einem deutschen „Guten Tag!“.

Falter: Mister Izzard, möchten Sie das Interview lieber auf Deutsch führen?

Eddie Izzard: Da trauen Sie mir wahrscheinlich zu viel zu. Ich habe meine Shows ja nicht in Fremdsprachen improvisiert, um mit meinen Kenntnissen anzugeben, sondern um ein Zeichen für europäische Sprachenvielfalt zu setzen. Da Europa gerade von vielen Seiten in Großbritannien so viel Negativität entgegenschlägt, versuche ich daraus umso mehr positiven Schwung zu gewinnen – wie die Apollo 13, die mit einem schadhaften Raumschiff den Mond umrundete und beschleunigt auf die Erde zurückkehrte. In Deutschland dreht sich für englische Comedians sonst immer alles um Hitler – meine neue Show trägt als Titel das ultimativ positive deutsche Wort: „Wunderbar“.

Welche Erfahrungen haben Sie aus Ihren Experimenten mit Mehrsprachigkeit gewonnen?

Izzard: Meine Theorie hat sich bestätigt: Humor ist universell, nur manchmal sind die konkreten Bezüge national verschieden.

Haben Sie ein Beispiel?

Izzard: Menschenopfer. Schlechtes Wetter und Missernten bedeuten: Die Götter mögen uns nicht. Also murksen wir doch den Kerl da ab und opfern ihn. Das ist eine offensichtlich idiotische Idee, eine der ersten großen Bosheiten der Menschheitsgeschichte, aber alle haben es gemacht, obwohl sie keine Telefone hatten, um sich darüber zu verständigen. Darüber kann man überall Witze machen. Genauso hat jede Kultur ihre Leute, nach deren Tod sich alle darauf einigen, dass sie Mistkerle waren: In England war es Heinrich der Achte, der sich vollfraß und seine Frauen umbrachte, in Russland war es eben Stalin.

Aber Sie sind doch berühmt für Ihre witzigen Stimmenimitationen. Sind die nicht in Fremdsprachen schwieriger?.

Izzard: Es ist nicht so anders, als wenn ich in verschiedenen englischen Dialekten spreche. Zum Beispiel kommt in meiner neuen Show die Notre-Dame in Paris vor. Da sagt Jesus zu Maria (verstellt die Stimme): „Mutti, baust du mir eine Kathedrale?“ Also das geht schon. Ich dachte, die Satzstellung könnte ein Problem werden. Bei „Did Caesar ever think he would end up as salad?“ sind nach der Pointe noch zwei Wörter: „Hätte Cäsar je gedacht, dass er als Salat enden würde?“ Lachen die Leute eben einen Sekundenbruchteil später.

Sie haben angekündigt, nach dieser Tour in die Politik zu gehen. Schon 2018 waren Sie kurzzeitig im National Executive Committee der Labour Party. Hat es Ihnen dort wirklich so gut gefallen, dass Sie Ihre Karriere dafür aufgeben wollen?

Izzard: Ich hoffe, dass ich wieder zurückkann. Arnold Schwarzenegger hatte es nach acht Jahren als Gouverneur schwer, aber der ist auch ein Actionheld. Die Schauspielerin Glenda Jackson war 25 Jahre lang Labour-Abgeordnete im britischen Unterhaus und hat danach einen umjubelten „König Lear“ am Westend hingelegt. Das ist alles eine Frage der Glaubwürdigkeit. Die meisten gemäßigten Menschen gehen nicht in die Politik. Ich tue radikale Dinge mit einer gemäßigten Botschaft: Marathon laufen, Sprachen lernen, mich als heterosexueller Transvestit outen. Die europäische Einigung ist das schwierigste Projekt, das je gelungen ist, besser als den Amerikanern, die sich nie wirklich mit ihren Ureinwohnern geeinigt haben. Dafür will ich kämpfen.

Wie wollen Sie denn in der Politik agieren, gerade nach dem Brexit?

Izzard: Ich werde meine Positivität einbringen! Natürlich kann ich allein nichts bewirken, ich bin nur ein weiterer Fußsoldat. Aber die Leute sind nicht mehr einverstanden mit dem Brexit, sie verstehen, dass sie angelogen wurden. Sogar die eingefleischtesten rechtskonservativen Thatcher-Fans raunen jetzt, dass sie nicht ärmer werden wollen.


Globe Wien, Mi 19.30

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FALTER 17/19
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