Schur-nalisten

Journalistisches Meisterkochen: Man nehme ein ordentliches Vorurteil, wie zum Beispiel, die Meinung, dass Pudel keine richtigen Hunde wären, gebe reichlich frauenfeindliche Einstellungen dazu, würze mit Asiatensinddumm und richte dies mit einem gestellten Foto als Pressemeldung an. Serviervorschlag: Nachricht an die sogenannte Yellow Press weitergeben und warten, bis der globale Newsmarkt den Hoax aufgesogen hat.


PETER IWANIEWICZ
FALTERS ZOO | aus FALTER 18/07 vom 02.05.2007

So geschehen letzte Woche, als zuerst The Sun und in Folge dann auch ORF on über eine Firma berichtete, die angeblich mehr als 2000 Japanern geschorene Schafe als „gefälschte“ Pudel verkauft hätte. Eine japanische Filmschauspielerin hätte sich sogar in einer Talkshow darüber beklagt, dass ihr neu erworbener Pudel nie belle und auch jedes Hundefutter verweigere. Als sie dann ein Foto ihres „Hundes“ hergezeigt hätte und man sie über die wahre Identität ihres Tieres aufklärte, wäre sie „zutiefst verstört“ gewesen und hätte ihren nun Nicht-mehr-Liebling einem Tiergarten gestiftet. Tolle Story, die alle chauvinistischen Erwartungen über Pudel, Frauen und Japaner bedient und deswegen auch so gerne genommen wurde. Nur war sie völlig frei erfunden. Als sich dann doch noch Journalisten diese Story bei der japanischen Polizei gegencheckten, wussten diese nichts von einem „poodle scam“, antworteten aber sehr humorvoll mit einem Dank für den Scherz des Tages.

Schuld an der Verunglimpfung der Pudel ist der zwänglerische Drang mancher Menschen, Haare zu schneiden und das an dieser Hunderasse auszuleben. „Canide Styling Syndrom“ heißt das in der Fachsprache. Dabei waren Pudel ursprünglich Jagdhunde, die abgeschossene Wasservögel apportierten. Den langhaarigen Tiere begann man zweckmäßigerweise das Fell an jenen Stellen zu schneiden, wo es nicht gebraucht wurde. Also an den Beinen und an der Kruppe, während das wollige Haar Herz und Lungen vor der Kälte des Wassers weiterhin schützte. Die Möglichkeit der Schur gefiel auch in den Salons, und so wurde aus dem Arbeitstier ein fassonierter Begleiter beim Fünfuhrtee.
Das Umgangssprachliche zuletzt: Von einem „Pudel“ spricht der kenntnisreiche Kegler, wenn die Kugel von der Bahn abkommt und in der sogenannten Auffangrinne landet. Da früher Kegeln ein Freiluftsport war, sammelten sich in diesen Rinnen Regenwasser und bildete Pfützen, die im Altdeutschen auch Pudel genannt werden.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige