„Sie können sich doch nicht verstecken!“

Ein regloser Mann liegt vor dem Wachzimmer Karlsplatz. Ein Notfall oder „nur“ ein Betrunkener? Ein Student bittet die Beamten um Erste Hilfe. Als sie sich verweigern, zückt er sein Handy


FLORIAN KLENK
POLITIK | aus FALTER 24/17 vom 13.06.2017

Foto: Screenshot


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Es ist der 30. Mai, 11.20 Uhr, die Sonne knallt auf den Karlsplatz und am Asphalt liegt ein regloser Mann, der Slowake Piotr (Name geändert), 68 Jahre alt. Passanten bleiben stehen, reden Piotr an, aber er reagiert nicht. Auch Michael L., ein Student auf dem Weg zur TU, hat Sorge um den Mann. Warum reagiert er nicht? Herzinfarkt? Oder ist er einfach nur betrunken? Selbst dann sollte er nicht hier so unwürdig mitten am Weg liegen. Passanten versichern, die Rettung sei verständigt.

Es verstreichen vielleicht wertvolle Minuten, denkt sich der Student und will zusätzliche professionelle Hilfe holen. Piotr liegt ja nur ein paar Schritte von der Polizeiinspektion am Karlsplatz entfernt, jenem festungsartig wirkenden Wachzimmer beim U-Bahn-Ausgang. Würden die Polizisten durch die Fenster schauen, könnten sie Piotr sehen.

Als Michael L. das Wachzimmer mit einer Begleitung betritt, ist es 11.26 Uhr. „Da liegt ein regloser Mensch, können Sie bitte helfen, rauskommen, helfen, etwas tun“, sagt er. Michael L. wirkt aufgeregt, besorgt, er sucht einen Helfer. Doch die Beamten wiegeln ab. Die Rettung sei doch schon verständigt, er solle sich gedulden. Doch das stimmt gar nicht. Nur ein Polizeiwagen wurde geordert. Und die Besatzung dieses Wagens wird erst in 22 Minuten die Rettung verständigen.

Der Student ahnt, dass wichtige Zeit vertrödelt werden könnte. Ein Beamter in Zivil weist ihn aber ab: „Na und, gestorben wird täglich.“ Hier am Karlsplatz, dem Treffpunkt einer Szene älterer Suchtkranker. Hier holt ein „Regloser“ einen Beamten nicht hinter dem Wachzimmertisch hervor.

Nach drei erfolglosen Minuten schickt der Student seine Begleiterin zurück zum Reglosen und zückt nun sein Handy, offenbar um Druck zu machen. Der Film beginnt um 11 Uhr 29. Das etwa drei Minuten lange Video liegt dem Falter und dem Magazin Vice vor. „Können Sie bitte helfen!“, sagt Michael L. immer wieder und wieder. Der Inspektor am Schalter bleibt sitzen: „Die Einsatzkräfte seien unterwegs“. Der Student fordert die Dienstnummer. Da steht der Beamte auf und verschwindet.

Der Student steht nun alleine da und ruft in die Gänge des Wachzimmers. Die Türen der Büros sind offen, Polizisten arbeiten darin. Aber niemanden scheinen die Hilferufe zu irritieren. „Entschuldigung, können Sie mir helfen? Ich sehe, da ist jemand hinter der Scheibe. Ich sehe, dass da zwei Personen hinter der Scheibe sind!“

Nichts passiert. Der Student schwenkt mit seiner Kamera auf den Wachzimmertisch. Da liegt, gesichert mit der rot-weiß-roten Amtsschnur, ein Kugelschreiber mit FPÖ-Aufdruck. Er ruft weiter ins Wachzimmer: „Entschuldigen Sie bitte, ich brauch Ihre Hilfe. Können Sie bitte helfen! Draußen liegt jemand! Bitte!“

Keine Reaktion. Nur eine Putzfrau tritt wie in einem absurden Drama auf und schleift einen Müllsack über den Gang. „Entschuldigen Sie, ist da jemand? Soll ich den Polizeinotruf nehmen?“

In dem Moment rollt ein Beamter auf seinem Bürosessel in den Türstock. Er streckt seinen Kopf durch den Türrahmen und sagt: „Es ist schon wer unterwegs.“ Dann rollt er wieder ins Büro zurück.

Der Student kann die Lethargie nicht fassen. „Sie haben das Gerät, einen Defibrillator, eine Ausbildung, können Sie bitte helfen, das ist unterlassene Hilfeleistung! Sie sind verpflichtet! Sie können sich doch nicht verstecken!“

Nach drei Minuten erbarmt sich der Postenkommandant und setzt sein Kapperl auf. Er sagt: „So, wo ist des?“ Den Passanten L. putzt er zusammen: „Wir hoben a andere Arbeit a noch, so schaut’s aus!“ Das Video, so befiehlt er, „werden S’ jetzt löschen. Wenn S’ Gesichter filmen, haben S’ des zum Löschen.“

Auf dem Video sieht man nun Piotr am Boden liegen, eine Hand nach oben gestreckt. Es vergehen nun weitere 15 Minuten, bis die Rettung von der Polizei alarmiert wird. Die Wiener Rettung verzeichnete einen Notruf um 11.48 Uhr und erscheint kurz nach 12.00 Uhr.

Der Falter hat den Film dem Bürgerservice der Polizei gezeigt. Die Polizeispitze ist irritiert, denn das Sicherheitspolizeigesetz sieht in Paragraf 19 vor, dass Beamte „unverzüglich“ Erste Hilfe zu leisten haben – vor allem bei reglosen Personen sei Eile geboten. Einfach nur einen Funkwagen zu ordern, der wiederum die Rettung ruft und bis dahin sitzen zu bleiben, sei nicht korrekt. Allerdings habe es laut Passanten keinen Hinweis auf eine Lebensgefahr gegeben. Die Polizei, so lernt man, verlässt sich bei der Beurteilung von Reglosen auf medizinische Laien.

„Wir werden die Beamten fragen, wie sie reagieren würden, wenn da ihre Großmutter auf der Straße liegt“, sagt ein hoher Beamter. Man dürfe auch am Karlsplatz nicht abstumpfen, jeder könne sich hier umgehend versetzen lassen.

Erst vor einigen Monaten ist übrigens ein Obdachloser in einer U-Bahnstation an Herzversagen verstorben, und es hat einen Aufschrei gegeben, weil alle förmlich über ihn gestiegen seien. Der Fall am Karlsplatz endete weniger dramatisch. Piotr war von Alkohol oder anderen Drogen so beeinträchtigt, dass er am Boden lag. Die Polizisten hoben ihn auf, begleiteten ihn zu einer schattigen Parkbank und die Rettung fuhr wieder davon.


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