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In Deutschland wird eine Spitzel-Affäre nach der anderen bekannt. Auch in der Steiermark schnüffeln immer mehr Chefs ihren Mitarbeitern hinterher – zum Einsatz kommen Kameras, Detektive, GPS-Systeme und sogar DNA-Analysen.


GERLINDE PöLSLER
STEIERMARK, POLITIK | aus FALTER 17/08 vom 22.04.2008

Der Angestellte Markus Kaiser* hatte gerade den Telefonhörer aufgelegt und wandte sich wieder seiner Tabelle auf dem Bildschirm zu, als er plötzlich ein Knacken vernahm. Woher kommt das bloß? Offenbar aus der Ecke mit den Blumentrögen? Kaiser begann zu suchen – und stieß unter einem riesigen Philodendronblatt auf ein rauschendes Gerät. Er lief damit zum Betriebsrat – und der lachte: „Was hast du mit dem Babyfon vor? Gehört das dir?“ Als Kaiser ihm erzählte, wo er das Ding entdeckt hatte, ging den beiden ein Licht auf. Wie sich herausstellte, hörte der Abteilungsleiter schon seit Monaten mehrere Büros mittels Babyfonen ab. „Man hat auch Protokolle mit Auswertungen gefunden“, erinnert sich Wolfgang Nagelschmied, Leiter der Abteilung Arbeitsrecht in der steirischen Arbeiterkammer. „Darin sind Dinge gestanden, wie: Frau Huber telefoniert von 10 Uhr bis 10.30 Uhr zu offensichtlich nicht dienstlichen Zwecken, spricht über Gartenarbeit und kichert.“

Eben sind in Deutschland Bespitzelungs-Affären immensen Ausmaßes aufgekommen: Die Zeitschrift Stern hat aufgedeckt, dass die Diskontkette Lidl ihre Mitarbeiter in Deutschland mit Kameras und Detektiven ausspioniert hatte. Minuziös protokollierten die Schnüffl er, wie oft die Verkäuferinnen und Kassiere aufs WC mussten, und notierten, wer krank ausschaue und „introvertiert und naiv“ wirke. Besonders erschreckend ist ein Fall aus Tschechien: Dort durften laut Stern Angestellte eines Lidl-Geschäfts den ganzen Tag lang nicht auf die Toilette. Ausnahme: Frauen, die gerade ihre Tage haben. Zur Kennzeichnung mussten sie jedoch – weithin sichtbar – ein Stirnband tragen. Seitdem tauchen in Deutschland immer neue Fälle auf: In Filialen der Drogeriekette Schlecker waren Detektive tagelang versteckt hinter Regalen gekauert. Mussten sie aufs Klo, pissten sie in einen Eimer. Der jüngste Hammer: Auch bei der Bundesagentur für Arbeit existieren Spitzelprotokolle über Arbeitslose.

Auch hierzulande ist das Überwachen von Mitarbeitern „in Mode gekommen“, weiß Wolfgang Nagelschmied von der Arbeiterkammer Steiermark. Kameras sind in Österreich ebenfalls fl eißig im Einsatz, und Berufsdetektive machen sich GPS und DNA-Analysen zunutze. Nicht nur gemahnt es an eine neue Form von Versklavung, wenn Menschen keinen Moment mehr unbeobachtet sein können. Nicht selten bewegen sich die Unternehmen bei ihren Schnüffeleien auch an der Grenze oder bereits jenseits des Legalen. Die Schwierigkeit dabei: Nur wenige Beschäftigte trauen sich vor den Vorhang – aus Angst, ihren Job zu verlieren oder geklagt zu werden.

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