Sinn im Glas

Die Zwettlerin Elisabeth Mittendorfer hat vor drei Jahren den Verein Flotte Lotte gegründet und kümmert sich dabei – unter anderem – um zweierlei vom System Aussortiertes: krummes Gemüse und Langzeitarbeitslose

VERENA RANDOLF
LANDLEBEN, FALTER 27/18 vom 03.07.2018

Foto: Manfred Horvath

Ingrid Brandweiner würde gerne unauffällig mit den Hemdsärmeln das Feuchte aus ihren Augenwinkeln wischen, aber die dicke Brille mit dem roten Rand ist ihr im Weg. Sie schüttelt energisch den Kopf: „Arbeitslos sein? Nein, das war nix, das wollte ich nicht!“, sagt sie mit einer Stimme, die tief und kehlig ist, mit der in Filmen drahtige Bardamen sprechen, die Kette rauchen, nicht Köchinnen in rosa geblümten Schürzen, deren Bänder sich am Rücken nur auf den letzten Zentimetern zur Masche binden lassen.

Seit Anfang des Jahres hat Frau Brandweiner wieder Arbeit: Mittwochs und freitags geht sie in das aufgelassene Molkereigebäude am Stadtrand Zwettls, in dem der Verein Flotte Lotte – benannt nach dem Gerät, mit dem man Früchte zu Brei passiert – seine Küche betreibt: Hier verkochen zehn bis 15 Frauen wöchentlich hunderte Kilos an Obst und Gemüse zu Chutneys, Suppen, Gelees und Marmeladen. Die Gurken, Äpfel, Zucchini, Marillen und Tomaten, die hier liegen, sind Wegwerfware, die im Müll landen würde: für den Verkauf zu krumm, von Kunden im Supermarkt in den Regalen liegen gelassen oder schlicht von den Verantwortlichen im Markt zu großzügig bestellt.

Wenn Ingrid Brandweiner mittwochs zu ihrem Dienst in der Molkerei erscheint, schlingt sie sich die geblümte Schürze um die Mitte und ein Tuch um den Kopf, das farblich zu ihrem Brillengestell passt. Dann schlägt sie fast immer die Hände über dem Kopf zusammen: weil um die 60 Kisten voller Obst und Gemüse in der Küche stehen, die ihr den Weg zum Herd verstellen, und weil sich im Lagerraum in den Sommermonaten die Steigen fast bis an die Decke stapeln. Brandweiner nimmt sich eine nach der anderen vor und begutachtet, was diesmal geliefert wurde. Dann schreibt sie der Whatsapp-Gruppe „Die Flotten Lotten“ eine Nachricht: „Viel Fenchel!“, und das gute Dutzend Freiwilliger und Ehrenamtlicher, bei denen der Chat aufpoppt, beginnt Rezeptbücher zu wälzen und Ideen zu sammeln, wie sich Fenchel in großen Mengen am besten langhaltend verarbeiten lässt.

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