Sommerplagen V

Falsche Freunde müssen immer nur von sich erzählen Falsche Freunde gehen falsche Parteien wählen - Falsche Freunde, 2001


PETER IWANIEWICZ
FALTERS ZOO | aus FALTER 35/10 vom 01.09.2010

Zum hysterischen Abschluss dieser Sommerserie über lästige Lebewesen, die am selben Sommer wie wir teilhaben wollen, wenden wir uns einem Ärgernis zu, das nur die feinsinnigsten Menschen unter uns als ein solches wahrnehmen: jene zurzeit über allen Öbstern kreisenden, kleinen Fliegen. Ihre zahlenmäßige Masse und Winzigkeit ist ein klarer Überlebensvorteil, denn selbst fanatische Tierhasser lassen nach ein paar Zerquetschungsversuchen und unschönen Fuchteleien angesichts der gewaltigen Überzahl mürrisch von weiteren Kampfhandlungen ab und fügen sich ins Unvermeidliche.

Dabei handelt es sich um eins der berühmtesten Tiere der Genetik, die Drosophila. Hier empfiehlt sich der lateinische Gattungsname, denn umgangssprachlich wird dieses Insekt Fruchtfliege geheißen, was nicht nur falsch, sondern auch ein sogenannter Falscher Freund ist. So werden Wörter bezeichnet, die sich in zwei Sprachen in Schrift oder Aussprache gleichen, aber verschiedene Bedeutungen haben. Beispiel: Wer auf Niederländisch „bellt“, klingelt im Deutschen, und wer in Dänemark „Bier“ bestellt, bekommt Bienen. Auch der englische Name der Drosophila – fruit fly – wurde allzu direkt als Obstfliege übersetzt, so wie eine Fliegenfamilie, die es jedoch bereits gab. Der eigentliche deutsche Name unserer rotäugigen Berühmtheit wäre Taufliege, eine Bezeichnung, die im harten Kampf um die Lufthoheit über der Obstschale vom Volksmund vermutlich als zu poetisch empfunden und daher in der Sprachpraxis abgelehnt wurde.

Dabei könnte diese weltweit verbreitete Kulturfolgerin durchaus unser echter Freund sein. „Eine halbe Milchtüte mit einem Stück verfaulender Banane genügte, um zweihundert Taufliegen vierzehn Tage lang bei Laune zu halten“, schrieb der Wissenschaftsjournalist Martin Brookes in einem Buch über sie. Einfachste Haltungsbedingungen und großartige Reproduktionsraten machten sie jedenfalls zur Freundin von Genetikern: Alle neun Tage eine neue Generation, die bis zu 400 Nachkommen hervorbringt!

Geplagt werden nur jene, die nicht hinsehen. Denn es gilt noch immer: Natura maxime miranda in minimis – die Natur ist am wunderbarsten in den kleinen Dingen.


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