„Sprechen Sie über sich selber!“

Der Philosoph Jürgen Habermas wird 90. Seine rechten und konservativen Gegner sehen ganz alt aus

RUDOLF WALTHER
FEUILLETON, FALTER 24/19 vom 11.06.2019

Jürgen Habermas in seinem Haus am Starnberger See. Unmöglich, sich den Autor von 40 Büchern ohne Bücher vorzustellen (Foto: Roland Witschel / dpa / picturedesk.com)

Der Philosoph und Intellektuelle Jürgen Habermas mag Interviews nicht. Er war „zeitlebens von der Überlegenheit des geschriebenen Wortes überzeugt“. Auftritte in Talk- und Personalityshows sind für Habermas schlicht undenkbar, weil diese Öffentlichkeit zur Inszenierung von Imagepirouetten pervertieren, in denen Öffentliches und Privates ununterscheidbar werden. Der leidenschaftliche Diskutant Habermas schätzt die alltagssprachliche Kommunikation sehr – „ich kenne keinen Menschen, dem das Reden und Argumentieren so viel Spaß macht wie ihm“, sagte der deutsche Sozialphilosoph Oskar Negt über ihn. Doch Habermas hält solche Kommunikation auch für naiv im Vergleich zum professionellen philosophischen Diskurs, der sich im Raum von Argumenten und Gründen bewegt, um Geltungsansprüche überprüfbar zu formulieren, das heißt, um dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ den Weg zu bahnen.

Das ist keine professorale Marotte, sondern hat neben theoretischen auch lebensgeschichtliche Wurzeln. Als Habermas 2004 den Kyoto-Preis, eine Art Neben-Nobelpreis, erhielt, forderte ihn Kazuo Inamori, Gründer des Konzerns Kyocera und von dessen Stiftung, auf: „Bitte sprechen Sie über sich selber!“ Habermas ging auf das für einen Philosophen eher befremdliche Ansinnen ein und erläuterte vier lebensgeschichtliche Wurzeln seines Denkens.

Zwei der lebensgeschichtlichen Wurzeln seines Denkens hätten mit seiner Sprachbehinderung zu tun, wie Habermas in seiner Dankesrede erläuterte. Direkt nach seiner Geburt wurde er einer Gaumenoperation unterzogen, mit fünf Jahren erfolgte ein zweiter Eingriff. Unmittelbar als Kommunikationsproblem erfuhr Habermas seine Behinderung als Schüler, weil man ihn wegen seiner nasalen Diktion und seiner Artikulation nicht oder nur schlecht verstand. Das bekam er in Form von Beleidigungen und Kränkungen zu spüren. Natürlich lassen sich zwischen diesen frühen Prägungen und dem wissenschaftlichen Werk keine geraden Verbindungen ziehen, aber die Bedeutung gescheiterter Kommunikation und daraus resultierender Kränkungen sind ohne Rückgriff auf küchenpsychologische Spekulationen verständlich.

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