Strahlemänner

Millirem und Becquerel Kleine Kinder sterben schnell - Auszählreim in alternativen Kindergruppen


PETER IWANIEWICZ

FALTERS ZOO, FALTER 45/10 vom 10.11.2010

Jetzt gibt man wieder Castor. Nein, nicht die Oper „Castor und Pollux“ über die antike Brüderliebe, die zurzeit im Theater an der Wien geprobt wird, sondern der zivile Widerstand gegen den nach Gorleben rollenden „Cask for Storage and Transport of Radioactive Material“ ist gemeint. Dieses Stück erinnert auch etwas an ein griechisches Drama, bei dem sich zwei verfeindete Parteien unversöhnlich bis zum Ende gegenüberstehen.

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz regelt die technischen Auflagen für die Castoren. So müssen die jeweils 1,5 Millionen Euro teuren Spezialbehälter einen „Aufprall aus 9 Metern Höhe auf ein unnachgiebiges, stahlbewehrtes Betonfundament“ sowie ein „30-minütiges Feuer von 800 Grad“ unbeschadet überstehen können. Doch auch hier regt sich Widerstand gegen diese Testreihen und Hochrechnungen zur Sicherheit der Container. Ein Gutachten widerlegt das andere.

So auch bei der Abschätzung der Belastungen für die Tier- und Pflanzenwelt mehr als 20 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl. Der US-amerikanische Forscher Robert Baker behauptet in einer Publikation, die noch immer um das zehn- bis 100-Fache erhöhte Radioaktivität im Umkreis von Tschernobyl hätte keinen Einfluss auf die Artenvielfalt oder die Zahl der Lebewesen gehabt. Im Gegenteil, die von Menschen verlassene Gegend sei ein Rückzugsort für wilde Tiere geworden und biete – trotz zugegebener „Einflüsse“ auf die Erbsubstanz – einen besseren Lebensraum. Zwei andere Biologen von der Universität South Carolina hingegen berichteten von Missbildungen bei fast einem Drittel der Vogelarten. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen bestätigen zwar, dass die verstrahlte Zone als Rückzugsgebiet dient, in dem die Tiere aber schnell wieder aussterben.

Dumm, dass der eine nur Nagetiere, die anderen nur Vögel untersucht hatten. Anfang 2010 wurde aber eine weitere Langzeitstudie veröffentlicht, die die Biodiversität und den Gesundheitszustand von Insekten, Reptilien, Amphibien, Vögeln und Säugetieren in der Sperrzone von Tschernobyl erhoben hatte. Fazit dieser Untersuchung: verstärkte Tumorbildung bei den Tieren und Abnahme der Artenvielfalt.

Daraufhin kritisierten ukrainische Wissenschaftler diese Studie und argumentierten, die Tiere seien dabei, durch natürliche Auslese Resistenz gegen die Radioaktivität zu entwickeln. Wodurch werden aber schlechte Forscher ausgelesen?

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FALTER 21/19
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