Tanz, Baby!

NERD: Akronym für Non Emotionally Responding Dude oder Northern Electric Research and Development


PETER IWANIEWICZ

FALTERS ZOO | aus FALTER 43/11 vom 26.10.2011

Der verrückte Wissenschaftler ist ein beliebtes Stereotyp der Popkultur. Wirrhaarig und irr kichernd will er die Welt in Filmen, Comics und Computerspielen verschlimmbessern, beherrschen oder zerstören. Seit einiger Zeit bietet auch die Realwelt einige entsprechende Präsentationsmöglichkeiten für Nerds, die dankbar angenommen werden: der Darwin Award ist ein sarkastischer Negativpreis, der an Menschen verliehen wird, die sich versehentlich selbst töten oder unfruchtbar machen. Der IG-Nobel (wurde hierorts bereits abgewatscht) wird für unverstandene oder skurrile wissenschaftliche Arbeiten verliehen. Und seit vier Jahren gibt es auch noch den Wettbewerb „Dance Your PhD“. Dabei stellen Wissenschaftler ihre Dissertationen mit meist extrem komplizierten Thesen in tänzerischer Form dar und veröffentlichen dieses Video auf You Tube. Man kann sich eine Mischung aus Charade und Activity erwarten. Bei Titeln wie „Antisense Oligonucleotides-Mediated Exon Skipping for Duchenne Muscular Dystrophy“ ist eine choreographierte Darstellung durchaus unterhaltsamer – wenn nicht sogar verständlicher – als eine Powerpoint-Präsentation.

Die Regeln sind einfach: Grundlage ist die eigene Dissertation, deren Hauptaussage mit tänzerischen Mitteln kommuniziert wird. Und der Autor muss selbst mitmachen. 55 Tanzvideos wurden heuer eingereicht, wobei Themen von Astrophysik bis Psychologie vertreten waren. Die renommierte Fachzeitschrift „Science“ sponsert die Veranstaltung und schreibt dazu: „Strange things happen when scientists play with art and artists play with science“. Und da wären wir wieder beim Topos des „Mad Scientist“.

Die Ursprünge für dieses Misstrauen der Bevölkerung gegen die moderne Wissenschaft liegen in der Epoche der Aufklärung, als man sich von der Gedankenkontrolle durch Religion und Kirche befreite. Das Imperium wehrte sich gegen jene, die die Welt neu betrachteten und die Zeichen erklärten durch Schmähung und Karikatur.

Die Idee von „Dance your PhD“ ist selbstironisch und durchaus sympathisch. Ob es hilft, die Bevölkerung für komplexe Themen der Wissenschaft zu gewinnen, ist eher fraglich. Warum gibt solche lustigen Bewerbe nicht auch im Wirtschaftsbereich? Ich möchte gerne einmal Bankmanager ihre Darstellungen der Wirtschaftskrise tanzen sehen. Los, zeigt mir mal euren Truthahn-Tango!

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FALTER 17/19
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