Tolle Toiletten

Spiegelkabinette, sakrale Orte oder ein Traum in Rot: Wieso berichtet eigentlich fast nie jemand von stil(vol)len Örtchen, wenn irgendwo wieder ein neuer Designerschuppen aufsperrt? Eine kleine Parade der hübschesten Häusln der Stadt.

CHRISTOPHER WURMDOBLER
STADTLEBEN, FALTER 44/05 vom 01.11.2005

Das Klo im Café Stein ist legendär: Hohe Türen, verwirrende Schiebewände, die Pissrinne aus Nirosta bis unter die Decke, Metallbuchstaben, die “Achtung Stufe” warnen oder Beschriftungen im Terrazzoboden die schlicht “Frau” und “Mann” signalisieren, sorgen im von den Architekten Eichinger oder Knechtl designten Szenelokal heute noch für Aufsehen. Ebenso legendär, aber leider nicht mehr existent waren die Toiletten im Wiener Vorarlberg-Beisl des Clubveranstalters Johannes Hoschek Anfang der Neunzigerjahre. Männer verrichteten im Hoschek ihr Geschäft in einer schwarzen SM-Hölle, die Wände waren mit Leder und Nieten tapeziert, man pinkelte in Kübel. Bei den Frauen ging’s hingegen eher weich zu – mit rosa Plüschbezügen an den Wänden.

Dann schien den Wiener Wirten der Sanitärbereich ihrer Lokale egal zu werden. Während man in anderen Städten über Glastrennwände staunte, die sich zu Milchglas verwandeln, sobald sich wer im Klo einsperrt, man gegen verspiegelte Wasserfälle urinierte oder sich in turnhallengroßen WC-Anlagen samt Butler verirrte, gaben sich Wiener Architekten beim Ausdenken von Lokalen in Sachen Notdurft meist wenig Mühe. Die Toiletten neuer Beisln oder Szeneschuppen waren vor allem zweckmäßig eingerichtet, dass man dort staunend verweilte oder die WCs gar zum Gesprächsthema wurden, passierte selten. Maximal redete man über die wirklich harten Häusln, Zumutungen aus Porzellan und Desinfektionsmittel. Wenn überhaupt.

In letzter Zeit hat sich das aber geändert: Wer eine Menge Geld ausgibt, um sein Lokal zu stylen, schraubt in den Toiletten nicht einfach weißes Billigporzellan vom Baumarkt an die Wand. Planer setzen großen Ehrgeiz daran, neben den Gasträumen auch die Sanitärbereiche möglichst cool zu stylen – wenn die Bauherrinnen und -herren sie halt lassen.

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