Urschrei

Peter Iwaniewicz fordert mehr, als nur Insektenhotels zu basteln


PETER IWANIEWICZ

FALTERS ZOO, FALTER 24/19 vom 11.06.2019

Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Zuletzt war ein treffliches Stillleben der österreichischen Verfasstheit zu beobachten. Tagelang wurde über die Neubesetzung der offenbar wichtigen Ministerien spekuliert, sogar die oft nur als Anhängsel bedeutenderer Politikfelder betrachteten Kulturagenden wurden am Rande erörtert. Doch welches Aufgabengebiet der Regierung blieb medial völlig unbesprochen, so dass man den Eindruck erhalten musste, es wäre tatsächlich völlig bedeutungslos für das weitere Fortkommen Österreichs? Um es mit einem Ausdruck der Roten Listen bedrohter Arten zu formulieren: „Least concern“, am wenigstens Sorgen, machte man sich um die Umweltproblematik. Egal ob tausende junge Menschen regelmäßig für den Klimaschutz demonstrieren. Oder ob im jüngst veröffentlichten globalen Report des Weltartenschutzrats IPBES ein weltweites Artensterben belegt wurde, hier in Österreich ist das alles kein Thema.

Der Ökologe und IPBES-Autor Ralf Seppelt nannte in einem Interview mit der Zeit bedrohliche Zahlen: Von den endemischen, also nur in einem begrenzen Gebiet vorkommenden Arten, sind bereits 20 Prozent verschwunden. 60 Prozent der Meeressäugetiere sind gefährdet, ebenso ein Drittel der riffbildenden Korallen. 40 Prozent der Amphibien sind vom Aussterben bedroht und die größte und vielfältigste Tiergruppe der Insekten wird wahrscheinlich bald um zehn Prozent artenärmer sein. Viele Experten sprechen schon von einem „Insectageddon“ in Anspielung auf das biblische Armageddon, wo bei der endzeitlichen Schlacht alles Leben vernichtet wird.

Klingt das nach Panikmache? Oder Öko-Hysterie? Habe ich meine blutdrucksenkenden Medikamente heute nicht eingenommen? Nein, ich bin einfach nur – um es mit den Worten der Poeten zu formulieren – schwer angepisst. Die Ursachen von Klimakrise und Artensterben sind bekannt und abgesichert. Die notwendigen Maßnahmen liegen ebenso auf dem Tisch. Man müsste sie halt auch umsetzten. Das ist unangenehm. Was wird dann aus unsrer eigentlichen Bundeshymne, dem konsumistischen Schlachtruf „Zu viel ist nie genug“? Bundespräsident Alexander Van der Bellen meinte nach dem skandalösen Ibiza-Video: „So sind wir nicht, so ist Österreich einfach nicht, aber das müssen wir alle gemeinsam beweisen.“ Ja, beweisen wir das oder geben wir zu, das wir doch so kleingeistige, egomanische und innerlich korrupte Zwerge sind. (Wutbürger geht ab.)

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FALTER 25/19
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