Wahlsieg ohne Wende

Weil sich Rot-Grün nicht ausgeht, muss Alfred Gusenbauer mit der ÖVP wohl oder übel eine große Koalition bilden. Eine schwierige Aufgabe, wenn der Machtwechsel nicht mit Proporz, Blockade und einer neuen Blütezeit der FPÖ enden soll. Gusenbauer tüftelt bereits an seinem Team. Was macht er aus dem Sieg vom Sonntag?

GERALD JOHN
POLITIK, FALTER 40/06 vom 03.10.2006

Harald Krassnitzer war treu, das beweist die Flasche an seiner Seite. Wie ein Baby hält der prominente Schauspieler eine Riesenbouteille Châteauneuf-du-Pape im Arm, die er unmöglich gerade erst an der Tankstelle um die Ecke gekauft haben kann. Er habe eben schon vor dem Wahlabend an Alfred Gusenbauer geglaubt, erzählt Krassnitzer und lästert über all die Adabeis, die sich nun die Handflächen wundpaschen: „Diese Spontansolidarität ist schon toll: Jetzt biedern sich die ganzen Zweifler mit ihrer Hühottmentalität plötzlich an.“

Viele sind gekommen, an diesem Sonntagabend, zu viele. Schwitzende Leiber quetschen sich ins Festzelt zwischen Burgtheater und Café Landtmann, die Zapfhähne laufen auf Hochdruck. Alfred Gusenbauer, der Belächelte, hat Wolfgang Schüssel, den Unbesiegbaren, geschlagen. Wie Jörg Haider zu seinen besten Zeiten zieht der neue Volkstribun in einem Pulk von Fotografen in die dampfende Halle ein. Von allen Seiten strecken sich ihm Hände entgegen, Kids in roten T-Shirts kreischen, als würde gerade die Teenieband Tokio Hotel auf die Bühne tänzeln. Während Gusenbauer das Podium erklimmt, tönt es aus gut befeuchteten Kehlen: „Hier regiert die SPÖ!“

Regiert die SPÖ? Zur allgemeinen Überraschung gewannen die Sozialdemokraten vergangenen Sonntag die Nationalratswahl (siehe Grafik). Den Kanzler haben sie deshalb noch nicht sicher, zumindest nicht hundertprozentig. Theoretisch gibt es auch eine andere Variante. Der angeschlagene Regierungschef Wolfgang Schüssel könnte jeden Genierer ablegen und zum derzeitigen Partner BZÖ auch noch die FPÖ ins Boot holen. Über diese Mitte-rechtsaußen-Koalition traut sich vermutlich aber nicht einmal ein Machttechniker wie der ÖVP-Chef drüber (siehe Seite 10).

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