Wenn die Matrix den Wahlkampf kontrolliert

Österreich steckt mitten in seinem ersten richtigen Social-Media-Wahlkampf. Er verändert die Art und Weise, wie um Stimmen geworben wird, dauerhaft – und nicht zum Besseren

BARBARA TóTH, JOSEF REDL | POLITIK | aus FALTER 24/17 vom 13.06.2017

Illustration: PM Hoffmann

Christian Kern als frischgebackener Papa mit seinem jüngsten Kind auf der Brust, Kern als Nachwuchsfußballer, Kern mit seinem ältesten Sohn und seinem verstorbenen Vater. Das Wahlkampfvideo, das rechtzeitig zum Vatertag vergangene Woche von der SPÖ veröffentlicht wurde, ist für Facebook maßgeschneidert. Es zeigt den Kanzler als Mensch wie du und ich. Seine Eltern, seine Kinder, seine Frau, seinen Alltag, seinen Sport. Privat und auch einen Hauch von Intimität. Genau so, wie sich Millionen von Österreichern jeden Tag auf ihren digitalen Alter-Ego-Plattformen präsentieren.

Willkommen im ersten richtigen Social-Media-Wahlkampf Österreichs. Wenn sich das Leben mit all seinen Aspekten ins Netz verlagert, muss die Politik nachziehen. Großformatige Wahlplakate, Inserate in Tageszeitungen, Belangsendungen, klassische Wahlkampftouren? All das wird es bei der Nationalratswahl 2017 auch geben, aber Werbung in den sozialen Medien hat zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Wirkung entfaltet. Wenn der Wahlkampf in die heiße Phase geht, haben sich längst jene inszenierten Bilder in den Köpfen der Wähler verfestigt, die sie täglich online serviert bekommen; sie könnten im knappen Rennen um den ersten Platz zwischen SPÖ, FPÖ und ÖVP die entscheidenden ein, zwei Prozentpunkte bringen.

Bild, Bams & Glotze“ brauche er zum Regieren, meinte der ehemalige sozialdemokratische deutsche Kanzler Gerhard Schröder einmal selbstbewusst. Auch Kerns Vorgänger Werner Faymann verließ sich noch ganz auf Krone, Krone bunt und den ORF. Inzwischen erreichen diese klassischen Medienvertriebswege nur noch ältere Semester verlässlich. Wer die Jüngeren will, vor allem die, die sich nicht mehr für Politik interessieren, muss in die neuen „Kanäle“, allen voran Facebook.

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