Wer sprüht noch vor Ideen?

Aus Stadtrebellen wurden Graffitikünstler, aus rituellen Sachbeschädigungen eigene Street-Art-Festivals. Eine Wiener Szene sucht sich selbst


LUKAS MATZINGER
STADTLEBEN | aus FALTER 35/16 vom 30.08.2016

Foto: Stefan Wogrin/spraycity.at

Foto: Stefan Wogrin/spraycity.at

Graffiti können vieles sein. Stadtbehübschung oder Straftat, Mietminderungsgrund oder Auktionsgegenstand. Ihretwegen wurden Gesetze geändert, Galerien eröffnet und Fassadenbeschichtungen erfunden. Egal, ob es das kaum leserliche Kürzel eines Sprayers ist, an dem jeden Tag Tausende auf dem Weg zur Arbeit vorbeigehen, ohne es zu verstehen, eine abstrakte Wandmalerei im hippsten Stadtteil, ein wirres politisches Statement oder ein riesengroßes Menschenabbild, für das ein Künstler Wochenenden brauchte. Graffiti sind eines der unmissverständlichsten Merkmale von Urbanität. Sie gehören zur Großstadt, hier hat man sich an sie gewöhnt.

Wer schon einmal seinen Namen in den Tisch im Chemiesaal geritzt oder ein Pickerl an einer Klotür hinterlassen hat, hat es wahrscheinlich gespürt: Der Mensch empfindet Freude daran, einen Ort zu markieren, sich selbst zu hinterlassen, sein Dagewesensein zu dokumentieren.

Der junge Wiener Joseph Kyselak soll in den 1820ern eine Wette eingegangen sein, wonach er innerhalb von drei Jahren in der ganzen Monarchie bekannt sein musste. Kyselak schrieb und ritzte daraufhin seinen Namen auf Wände quer durchs Kaisertum. Am Ende war der Schriftzug so bekannt, dass er in manche Landschaftsmalereien dieser Zeit eingearbeitet wurde. Ein österreichischer Hofkammerbeamte kann als einer der ersten großer „Writer“ und „Tagger“ gesehen werden.

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