Wien vertikal

Eine Stadt und ihre Hochhäuser: eine Geschichte von Liebe, Hass und Missverständnissen, offenen und verdeckten Interessen. Und vom Fehlen einer großen Idee

MAIK NOVOTNY | STADTLEBEN | aus FALTER 24/18 vom 12.06.2018

Foto: Christian Wind

Winterharter Riesenbambus. Die Felsenklippen von Acapulco. Der Müllkessel in der Spittelau. Was haben sie gemeinsam? Genau, sie sind alle 35 Meter hoch. Einen Zentimeter mehr, und sie wären in Wien ein Hochhaus. Denn alles, was höher als 35 Meter ist, gilt laut Paragraf 7 f. der Wiener Bauordnung als ein solches. Einfach, oder? Bis hierhin schon. Alles, was danach folgt, ist in der Regel kompliziert.

Das ist es schon länger, denn die Geschichte von Wien und seinen Hochhäusern ist ein Stop and Go. Mal will Wien vertikal werden, dann sträubt es sich wieder mit aller Macht dagegen. Beides mit gutem Grund. Die im Vorjahr geführte Debatte um das Heumarkt-Projekt war nicht der erste und wird nicht der letzte Hochhausstreit sein. Sie offenbarte tiefe bestehende Gräben und riss zusätzlich neue auf, die mitten durch Parteien, durch die Architektenschaft und die Öffentlichkeit gingen. Diesen erbitterten, im Moment still schwelenden, aber noch längst nicht abgeschlossenen Streit als Konflikt zwischen Bewahrern und Erneuerern zu sehen greift zu kurz: Manche Bewahrer sind weniger konservativ als manche sogenannten Erneuerer, und über das, was bewahrt werden soll, gibt es mehr als zwei Meinungen.

Ein solches Hin und Her lässt sich auch an zwei neuen Hochhausentscheidungen ablesen, die in diesen Tagen getroffen wurden. Zum einen am Nordbahnhof: Dort wächst das Stadtentwicklungsgebiet langsam vom Praterstern nach Nordwesten, das beschlossene Leitbild (Vlay Streeruwitz Architekten) „Freie Mitte – vielseitiger Rand“ sieht eine Stadtwildnis auf dem ehemaligen Bahngelände vor, umringt von einem Kranz von Bebauung, darunter eine Handvoll Hochhäuser. Für drei davon wurde vorige Woche der Wettbewerb entschieden. 60 bis 95 Meter werden sie hoch. Das von AllesWirdGut Architekten ist ein doppelt geknicktes, nach oben abgetrepptes Band, das von Querkraft Architekten drei luftig übereinandergestapelte weiße Boxen. Der höchste Turm stammt von den Nichtlokalmatadoren Bevk Perović aus Ljubljana und sieht etwas kurios wirkende Rundbogenfenster vor den Wohnräumen vor.

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