„Wir kippen das runter und fertig!“

Filmemacher Nikolaus Geyrhalter über seine Doku „Erde“, ein Porträt des Anthropozäns


SABINA ZEITHAMMER

FALTER:WOCHE, FALTER 20/19 vom 14.05.2019

Foto: NGF, Philipp Horak

In seinem bei der Berlinale mit dem Preis der Ökumenischen Jury bedachten Dokumentarfilm „Erde“ untersucht Nikolaus Geyrhalter anhand von sieben Stationen, wie die Industrienationen die Umwelt umgestalten und ausbeuten: Das reicht vom Plattwalzen ganzer Hügellandschaften in Kalifornien über das Durchbohren des Brenners, den Abbau von Kohle, Marmor und Kupfer in Ungarn, Italien und Spanien bis zum Atommülllager in Wolfenbüttel und Ölsandabbau in Kanada.

Falter: Herr Geyrhalter, werden es die Menschen der Zukunft eher bedauern, dass es keine Hügel mehr gibt, oder sich über das geschaffene Bauland freuen?

Nikolaus Geyrhalter: Das müssen Sie die Menschen der Zukunft fragen. Aber wahrscheinlich stimmt wie immer beides. Irgendwo muss man ja wohnen, und es werden schon noch ein paar Hügel übrigbleiben. Ich sehe „Erde“ als große Fragestellung.

Haben Sie ein Lieblingskapitel?

Geyrhalter: Generell habe ich das alles sehr gern gedreht. Was diese Orte verbindet, ist, dass wir überall quasi Teil der Teams waren. Sobald man dabei ist, wird auf einen geschaut, dann ist das eine Begegnung auf Augenhöhe. Das habe ich sehr geschätzt.

Die Antworten der Interviewpartner sind sehr persönlich, auch poetisch oder philosophisch. Waren Sie davon überrascht? Wurden die Interviewten im Vorfeld vorbereitet?

Geyrhalter: Das wäre ja schrecklich, nein! Wir haben vor Ort Leute gesucht, kurz geplaudert und uns dann entschieden. Ich habe mich zum Teil auch über die Antworten gefreut, weil man es sich vielleicht nicht zu erwarten traut, aber eigentlich ist das ja ein Schwachsinn. Warum sollte ein Baggerfahrer keine reflektierte Meinung haben? Auch bei den Publikumsgesprächen auf der Berlinale kam jedes Mal die Frage, ob ich überrascht war über die Qualität der Antworten. Es hat mich eher überrascht, dass das – unter vielen Anführungszeichen – Kulturblasenpublikum davon so überrascht ist.

Es erstaunte mich eher, dass die Interviewten so sprechen, als würden ihnen diese Dinge die ganze Zeit durch den Kopf gehen.

Geyrhalter: Das sind ja prinzipiell alles sehr einsame Jobs. Es wäre vermessen zu behaupten, dass Baggerfahrer nichts anderes tun, als über die Welt nachzudenken, aber man hat einfach Zeit, weil viele Arbeitsabläufe irgendwann automatisch von der Hand gehen.

Waren Sie überrascht von der Janusköpfigkeit der Antworten? Alle sagen, sie bedauerten die gewaltsamen Eingriffe in die Natur, aber der Mensch sei eben so und wolle nicht zurückfallen.

Geyrhalter: Ist das nicht, wie wir alle die Welt sehen und unser Überleben rechtfertigen? Wir wissen ja alle, dass unser Fußabdruck zu groß ist. Und sagen trotzdem: Aber es ist halt so.

Haben Sie jemals überlegt, Auswege aufzuzeigen?

Geyrhalter: „Erde“ ist eine Bestandsaufnahme. Ich wünsche mir, es gäbe Auswege, aber fürs Erste passiert, was passiert. Filme, die eindeutig in richtig und falsch differenzieren, halte ich schwer aus, weil die Welt und ihre Fragestellungen so komplex sind, dass man sie in 90 Minuten nicht beantworten kann. Wenn ein Film Bewusstsein schafft, ist das schon sehr viel. Antworten geben, daran glaube ich nicht mehr.

Bei aller Kritik schwingt auch Bewunderung in „Erde“ mit, eine gewisse Faszination.

Geyrhalter: Natürlich gibt es die Faszination, und all das, was wir sehen, ist salopp gesagt auch verdammt cool. Man ist an diesen Orten zunächst überwältigt von der Ästhetik, und erst dann beginnt einem klarzuwerden, was da eigentlich passiert.

„Erde“ folgt sehr klaren formalen Regeln. Braucht es so ein starres Konzept?

Geyrhalter: Die Filme, die ich mache, leben stark davon, dass das Publikum sich darauf einlässt. Dafür müssen klare Rahmenbedingungen herrschen.

Das dokumentarische Filmmaterial aus dem Atommülllager Asse aus den

1970er-Jahren bricht das ein wenig auf.

Geyrhalter: Wir hatten hier das Gefühl, Interviews allein wären zu trocken. Man sieht den Atommüll nicht mehr, weil das alles zugeschüttet ist. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat uns dann diese Aufnahmen in einer schlechten Videoauflösung zur Verfügung gestellt. Es ist uns gelungen, das Originalmaterial in einem Archiv zu finden. Diese Bilder sind einfach großartig. Schon im Duktus des Sprechers ist die Technikgläubigkeit von damals zu hören: Wir kippen das runter und fertig!


Ab 17.5. im Gartenbaukino

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