„Wir sind eine Arche“

Mit Dagmar Schratter steht erstmals eine Frau an der Spitze des Schönbrunner Tiergartens. Ein Gespräch mit der neuen Direktorin über glückliche Zootiere, Verhaltensprägungen beim Menschen und die Talente ihres Vorgängers Helmut Pechlaner.

MARTINA STEMMER | STADTLEBEN | aus FALTER 51/06 vom 19.12.2006

Bisher kümmerte sich Dagmar Schratter vor allem um sensible Exoten wie Pandas, Koalas und Panzernashörner. Ab Jänner ist die Biologin auch für die restlichen 8000 Tiere, die im Schönbrunner Zoo leben, verantwortlich: Österreichs einflussreichster Zoodirektor, Helmut Pechlaner, geht in Pension und überlässt das Feld seiner Stellvertreterin. In die Fußstapfen ihres Vorgängers will die zierliche Kärntnerin, die Pechlaner vor 13 Jahren nach Schönbrunn holte, allerdings nicht treten: „Die sind mir viel zu groß.“ Mit dem Falter spricht die neue Tiergartenchefin über den eigenen Weg, den sie einschlagen will, und das Bauchweh, das der neue Job mit sich bringt.

Falter: Sind alle Tiere glücklich bei Ihnen, Frau Direktor?

Dagmar Schratter: Ich weiß nicht, wie man feststellen will, ob ein Tier glücklich ist oder nicht. Ich kann feststellen, ob das Tier gesund ist, ob es sich wohlfühlt, ich sehe das am Verhalten, ich sehe das am Fell, an den Augen, am Appetit. Die Tiere, die in Zoos geboren werden, kennen gar nichts anderes. Eine Habitatprägung gibt es ja auch bei uns Menschen. Ein Tiroler aus den Bergen wird sich im Marchfeld wahrscheinlich nicht wohlfühlen. Bei den gut geführten Zoos sind die Tiere nicht eingesperrt, sie sind Grundbesitzer. Sie haben ihr Areal, ihr Haus, ihre Umgebung. Manche unserer Tiere spazieren außerhalb der Besuchszeiten frei im Tiergarten herum. Schafe und Rentiere zum Beispiel. Aber sobald die ersten Besucher am Morgen kommen, sind sie wieder in ihrem Gehege. Die Tiere sind ja auch im Freiland nicht frei. Sie haben ihre Reviere, ihre unsichtbaren Grenzen. Und bei uns ist die Grenze eben die Gehegegrenze. Sie haben es so gelernt, da fühlen sie sich wohl.

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